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„Vor allem Begeisterung!“

wie „Beethoven für alle!“ zu „Musik für alle!“ wurde
Ein Gespräch mit David Richards

F: Kai Adomeit, Was ist eigentlich „Musik für alle!“ ?

A: Nun, vor allem ist es Begeisterung für Musik, dann aber vor allem die Idee, Musik für wirklich alle Menschen zu machen, unabhängig von musikalischer Vorbildung und ohne irgendwelche Einstiegshürden.

Das heißt im einzelnen?

Jeder ist willkommen, egal wie alt, es gibt keine Kleiderordnung, keine numerierten Sitze, keine strengen Regeln – wer zwischen zwei Sätzen klatschen will, darf das gerne tun! – und: keinen Eintritt.
Nur Freude an Musik ist mitzubringen!

Und wie läuft das dann ab? Wie kann ich mir so ein Konzert vorstellen?

Der Flügel ist rund und ein Konzert dauert neunzig Minuten…nein, im Ernst: Ein Konzert dauert etwa 80-90 Minuten und findet ohne Pause statt.
Ich spiele, was ich mag, was mich beschäftigt und mir in dem Moment, aus welchem Grund auch immer, gerade wichtig ist.
Vor allem aber versuche ich, dem Publikum zu vermitteln, warum das in dem Moment so ist!

Sie sprechen also mit dem Publikum?

Genau!

Ich erkläre den Menschen, was mich an der Musik, die ich spiele, so fasziniert, was in mir vorgeht, während ich sie spiele, welche Gefühle sie in mir auslöst und – auch das! – warum ich auch ein Stück spiele, dass mir immer noch ein Rätsel ist.

Dadurch, dass das Publikum mir im Probensaal sehr nahe ist, entsteht dort eine einzigartige Atmosphäre zwischen Gespräch und Musik.

Ich wollte einmal versuchen, die Unnahbarkeit des Musikers gegenüber dem Publikum zu beseitigen und ich denke, das gelingt mir ganz gut.

Ich denke, dass ich zum ersten Mal verstanden habe, was mein Weg, mit dem Publikum zu kommunizieren, bewirkt, der Abend war, als ich 3 Impromptus und auf Wunsch eines Freundes – die große B-Dur-Sonate von Schubert gespielt habe.

Beim Einspielen wurde mir plötzlich klar: Du mutest deinem Publikum jetzt am Anfang der Sonate mehr oder weniger zwei langsame Sätze mit zusammen 35 Minuten Spieldauer zu.

Ich habe also dem Publikum erklärt, warum ich diese Sonate spiele, warum ich sie wirklich unendlich liebe und dass ich hoffe, diese Liebe zum Stück auch weitergeben zu können.

Ich habe auch erklärt, dass ich es vollkommen verstehe, wenn einem diese Musik in dem Moment zu viel, zu intim, zu extrem ist und dass, wer mag, gerne unauffällig gehen kann – und dann herrschte diese 35 Minuten lang wirklich atemlose Stille!

Nur am Anfang des Scherzos entfuhr es einem Zuschauer spontan und laut „viel zu SCHNELL!“. Nun, er hatte Recht…..und ich liebe spontane Reaktionen!

Wie ist all das eigentlich entstanden? Und wie kommt es, dass „Musik für alle!“ als „Beethoven für alle!“ begonnen hat?

Da trafen zwei Dinge zusammen: Zum einem mein Flügel, der seit einigen Jahren im Probensaal der Philharmonie Ludwigshafen – dem Konzertort – steht, zum anderen – wir sprechen vom Herbst 2020 – Corona.

Im Herbst 2020 kam der zweite Shutdown und die Musik stand still.
Ich hatte nichts besseres zu tun und beschloss: Ich lerne jetzt endlich den gesamten Beethoven, und zwar aus der alten Claudio Arrau-Ausgabe, mit den Fingersätzen, die manchen Pianisten an seinem Verstand zweifeln lassen.

Wie lange hat Sie das beschäftigt?

Etwa 4 Monate, natürlich war da noch nicht alle Arbeit getan, aber das Gerüst stand und die Werke waren in den Fingern.

Ist das nicht sehr schnell?

Teils, teils. Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit dieser so sonderbaren, großartigen Musik befasst, ich wusste also, worauf ich hinauswollte.
Nur im Repertoire hatte ich tatsächlich genau vier Sonaten: Op.2 Nr.3, Op.26, Op.110 und natürlich meine allererste Beethoven-Sonate: Die „Appassionata“.
Es gab also schlicht viel Finger- und Denkarbeit zu leisten.

In dieser Zeit war ich vermutlich mehr in meinem Überaum als zuhause.

Wie alt waren Sie, als sie die „Appassionata“ gelernt haben?

Zwölf. Das war natürlich ein ziemlich wildes Musikmachen, aber ich wollte nun einmal diese Sonate spielen, und wenn ich etwas wirklich will…

Aber zurück nach Ludwigshafen: Ich bekam also Beethoven mehr und mehr in die Finger und mir wurde plötzlich bewusst, dass der letzte Beethoven-Zyklus in der Region, mit Rudolf Buchbinder, schon fast 40 Jahre zurücklag und so schlug ich dem damaligen Intendanten der Philharmonie, Beat Fehlmann vor, eine Konzertreihe zu starten.

Natürlich kam uns Corona noch mehrmals dazwischen, aber im fünften Terminanlauf klappte es dann endlich und „Beethoven für alle!“ startete mit den Dressler-Variationen des zwölfjährigen Beethoven, den Bagatellen Op. 33 und den Diabelli-Variationen.

Nach und nach begann ich, mich an die Situation zu gewöhnen und „Beethoven für alle!“ begann, sich zu etablieren als eine Möglichkeit, Musik einmal ganz anders kennenzulernen, ganz hautnah dabei zu sein, auch: Den Probensaal der Philharmonie einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen zu können.

Und wann begann die Veränderung? Wann wurde „Beethoven“ zu „Musik für alle!“?

Das muss etwa in der dritten Saison passiert sein, ich habe nur wenige Programme aufgehoben, Asche auf mein Haupt, was Dokumentation betrifft…

Irgendwann war bei Beethoven ein Ende abzusehen und es galt, darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll.

Ich ging in mich und befragte auch das Publikum. Die Reaktion war ein sehr eindeutiges: Weitermachen!
Ich begann also, über neue Konzepte nachzudenken: „Mozart für alle!“? Haydn? Brahms? Und plötzlich wurde mir klar: Ich muss das Repertoire schlicht nach allen Richtungen öffnen – und „Musik für alle!“ war geboren.

Seitdem erkunde ich das Repertoire sozusagen von links nach rechts und von oben nach unten und „Musik für alle!“, und niemand ist darüber mehr überrascht als ich, ist in der Region eine regelrechte Kultveranstaltung geworden, mit einem Publikum, dass nur zum Teil identisch mit dem der Philharmonie ist, dass ich dann aber wiederum immer öfter beginne, in philharmonischen Konzerten zu sehen, was natürlich eine wunderbare Wechselwirkung ist.

Nun konnten Sie sicher nach der Verbreiterung der Programmatik Ihr vorhandenes Alt-Repertoire verwenden?

Sie werden lachen: Fast gar nichts davon!

Ich bin immer ein musikhungriger, neugieriger Mensch geblieben und lerne jedes Jahr etwa drei Viertel meiner Programme vollkommen neu.

Das hängt auch damit zusammen, dass ich ja früher vor allem auf Virtuosenliteratur und zeitgenössisches gebucht war.
Ich habe sehr viel Liszt, aber nur sehr wenig Chopin gespielt, viel Rachmaninov, aber kaum französische Impressionisten.

Ich habe vor kurzem zum allerersten Mal eine Chopin-Mazurka öffentlich gespielt…

…aber dafür früher Boulez und Barraqué.

Ja, das „French Monsters“-Programm mit der 2.Sonate von Boulez und der Sonate von Barraqué.

Viele haben es gehört, einige gemocht – und wirklich verstanden wohl nur ein paar wenige.

Das heißt, in „Musik für alle“….

…wird diese Musik definitiv nicht vorkommen.

Ich habe das ganz demokratisch gelöst, indem ich dem Publikum eines Konzerts die ersten zwei Seiten der Boulez-Sonate und den ersten Satz von K.S.Sorabjis „Opus Clavicembalisticum“ als Kostprobe gegeben habe. Die Reaktion war eher …..abwartend.

Ein sensationeller Erfolg allerdings war die Aufführung der 1.Cellosonate von Schnittke mit dem unglaublichen Josef Dragus – an diesem Abend hat der Saal, hat die Musik wirklich gebrannt!
Am Anfang der Saison 26/27 wird es ein Sonderkonzert ausschließlich mit Werken aus dem Jahr 1908 geben – also neben Ravel, Scriabin und Nielsen eben auch Berg und Schönberg. Aber das wird wohl eher ein interessantes Experiment bleiben, gerade die zweite Wiener Schule wird mir immer fremder.

Wie wird es also weitergehen?

26/27 ist programmiert, es wird neben dem erwähnten 1908-Programm ein weiteres Chopin-Programm geben, je ein Programm um Godowsky und Alkan/ Beethoven, sowie ein „Lost Beethoven“-Programm mit unbekannten und sehr bekannten Werken.

Ausserdem wird es mit Sicherheit, nach dem großen Erfolg der „Kreutzersonate“ zusammen mit Daniel Kroh, wieder spontan ins Programm aufgenommene Kammermusik geben

Und dann…?

Oh, mit Sicherheit noch mehr Chopin, viel Debussy, Schubert!!, Bortkiewicz, , Schumann, Rachmaninov, ….vielleicht Bach?

Ist Beethoven eigentlich komplett?

Ich gestehe: Nein. Es fehlen noch Op.101, 111 und die „Hammerklaviersonate“ Op.106. Dieser Abend musste damals einer Terminkollision seitens der Philharmonie weichen, die Sonaten kommen aber natürlich noch.
Den Band mit den Klavierstücken habe ich während mehrerer Programme aufgeführt, von den Variationen habe ich die wichtigen und bekannten gespielt einige der Gelegenheitswerke werde ich aber wohl auslassen.

Ich trage aber immer noch die Idee eines Beethoven-Marathons Ende des Jubiläumsjahres 2027 mit mir herum, wir werden sehen!

….und „Musik für alle!“…?

…wird so lange weitergehen, wie das Publikum es wünscht und die Philharmonie der ich sehr dankbar für die Möglichkeit bin! – es erlaubt.

Gerade in diesen schweren Zeiten ist Musik wichtiger als je zuvor, möge sie also weiterhin von Herzen zu Herzen gehen!

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