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Bye, Geoffrey!

Geoffrey Tozer: Zum Tod eines grossen Pianisten.

Vor kurzem stiess ich in der Online-Ausgabe des „Australian“ auf einen Artikel von Stuart Rintoul: „The life and death of Geoffrey Tozer“. 

Tief betroffen las ich den traurigen Nachruf auf einen Mann dem das Leben schwer fiel und auf einen Pianisten, der wohl auch vielen seiner 

Kollegen ein Fremder, eine Randerscheinung blieb. Warum?

Zunächst die Biographie:

Geoffrey Tozer wurde 1954 in Indien geboren, kehrte als vierjähriger in die australische Heimat zurück und zeigte bald ein ungewöhnlich starkes musikalisches Talent.

Mit 9 Jahren trat er zum ersten Mal mit einem Orchester auf und führte bereits als zwölfjähriger (!) die 5 Beethoven-Konzerte öffentlich auf.

Nach Erfolgen auf internationalen Wettbewerben stürzte er sich ins weltweite Konzertleben und erlebte 1988 mit der Veröffentlichung der Klavierkonzerte von Nikolai Medtner seinen grossen internationalen Durchbruch.

Etwa zu dieser Zeit stiess auch ich zum ersten Mal den Namen Geoffrey Tozer und kaufte mir die CDs.

Welche Offenbarung! Zum einen natürlich die Entdeckung völlig zu Unrecht vergessener Konzerte der Spätromantik – welche Meisterwerke die 3 Konzerte von Medtner sind war damals beileibe noch nicht Allgemeingut, die Aufnahmen von Nikolai Demidenko, Dmitri Alexeev oder Geoffrey Douglas Madge kamen erst Jahre später und die alte Michael Ponti-Aufnahme des 3.Konzerts war schwer zu beschaffen.

Der Geniestreich des 1.Konzerts etwa, in dem Medtner sämtliche Formprinzipien nicht nur über den Haufen wirft sondern neu erfindet. Das ernste 2.Konzert, in dem Klavier und Orchester eng verzahnt miteinander um das thematische Material kämpfen, oder das glänzende, extrovertierte 3.Konzert.

All dies interpretiert von einem hervorragenden Orchester (Philharmonia), einem kompetenten Dirigenten (Neeme Järvi) und eben von Geoffrey Tozer, der in den folgenden Jahren bei Chandos in dichter Folge Platte um Platte herausbringen sollte, fast immer mit ungewöhlichem, eher am Rande liegenden Repertoire: Die Werke für Klavier und Orchester von Respighi, das 3.Konzert von Tschaikowsky, Konzerte von Rimsky-Korsakov, Roberto Gerhard und Rawsthorne, Klavierwerke von Busoni und Bartok und, natürlich, von Medtner, für Tozer eine Lebensaufgabe.

So nahm er neben 2 CDs mit Liedern, den Klavierkonzerten und den ersten zwei Violinsonaten (mit Lydia Mordkovitch) praktisch das gesamte Soloklavierwerk von Nikolai Medtner auf.

Diese Aufnahmen begleiten mich seit langer Zeit auf meinem iPod und immer wieder entdecke ich neues darin und kann nicht aufhören zu staunen: Über die komplexen Meisterwerke eines Komponisten, der bis heute ein Geheimtip geblieben ist und über seinen Interpreten.

Welch ein Wunder etwa die Aufnahme der beiden Sonaten Op.53: In der ersten (Sonata Romantica), noch eine der häufiger von Pianisten aufs Programm gesetzten, überrascht Tozer mit grosser emotionaler Zurückhaltung und bringt gerade auf diese Weise das Werk zu grosser Wirkung. 

Die zweite Sonate (Sonata minacciosa) zeigt einen verwandelten Pianisten: Tozer spielt, als ginge es um sein Leben. Gegensätze treibt er bis ins Extrem, so sehr er den Flügel in den langen virtuosen Strecken an die Grenzen seiner klanglichen Möglichkeiten treibt, so sehr berühren die lyrischen Passagen an der Grenze des Verstummens.

Dies vor allem war eine Qualität Tozers: Nie wirkt etwas nur gleichgültig heruntergespielt, immer ist eine Aussage in seinem Spiel zu hören, eine verletzliche innere Stimme die insbesondere in den leisen, lyrischen Passage aufs tiefste berührt.

Alles in allem eine Aufnahme die jeder Pianophile gehört haben sollte, nicht nur wegen des Pianisten sondern auch wegen des Repertoires, denn nirgendwo anders kann man Medtner in solcher Vollständigkeit hören.

Geoffrey Tozer starb nach einer langen Zeit des Rückzugs vom Podium im Oktober 2009 in Melbourne, im Alter von nur 55 Jahren .

Uns bleiben Seine Aufnahmen, das Vermächtnis eines ebenso unangepassten wie aussergewöhnlichen Musikers.

An dieser Stelle endete mein ursprünglicher Artikel, denn lange, sehr lange habe ich gezögert, meine persönliche Bekanntschaft, ja, vielleicht sogar Freundschaft mit Geoffrey Tozer zu offenbaren. Doch denke ich, es wirft zehn Jahre nach seinem Tod ein noch helleres Licht auf den großen Musiker, der er war.

Im Winter 2001 klingelte es Abends plötzlich unerwartet an der Tür des sehr abgelegenen Hauses in Schottland, in dem ich mit meiner damaligen, 2006 viel zu früh verstorbenen Lebensgefährtin lebte, wenn ich nicht in Deutschland war.

In der Tür stand ein sehr nasser und sehr durchgefrorener Mensch, den ich im ersten Moment nicht einmal erkannte: Der Pianist Geoffrey Tozer.

Begegnet waren wir uns in der vorangegangenen Woche in einem Notengeschäft in London, in dem wir verblüfft feststellten, beide auf der Suche nach entlegenem Randrepertoire zu sein („You‘re really looking for….Sorabji?“) – Pianisten unter sich. 

Nach einer Tasse Tee gegenüber tauschten wir Adressen aus, wohl beide in dem sicheren Gefühl, damit nur der Form Genüge getan zu haben.

Und nun stand er da, müde und genervt von der Suche nach der Adresse („Wo zum Teufel liegt dieses Haus eigentlich? Im Niemandsland? Ist Schottland schon unabhängig?“), die damit endete, dass ihn ein Ortskundiger mit dem Auto mitnahm, und sehr hungrig.

Hungrig, wie ich später merken sollte, nicht nur nach der Gott sei Dank gut bestückten Küche, sondern hungrig auch nach Musik. Denn so einsam das Haus auch lag, an Instrumenten mangelte es nicht und plötzlich war das Haus von Klängen erfüllt, die ich schon von CDs kannte, aber noch nie live gehört hatte: Klaviermusik von Nikolai Medtner.  Doch welchen müden Nachklang des wahren Geoffrey Tozer hatte ich gehört!

Das erste, dass ich warnahm, war sein Klang: Voll, rund und brillant, doch zugleich immer sensibel und fragil, als sei er sich seiner selbst nicht ganz sicher.

Selbst im explosivsten fortissimo war immer eine zweifelnde Zurückhaltung zu spüren, nie wurde eine Passage nur um der billigen Brillanz willen gespielt, immer war ein suchender Geist zu hören.

Sehr schnell kam in mir die Frage auf: Warum muss dieser grosse Pianist, der das Klavier wie nur ganz wenige zum Klingen bringt, so hart für seine Karriere kämpfen? 

Ganz und gar lassen sich solche Fragen im Musikbusiness nie klären und ich wollte auch im Gespräch nicht zu sehr in ihn drängen, doch ist durchaus ein Muster darin zu erkennen, dass große Musiker oft nicht unbedingt gut darin sind, ihre Karriere konsequent voranzutreiben.

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