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Kultur – ein Luxus? Nein, ein Menschenrecht!

Wir befinden uns nun im achten Monat der Pandemie, einer Pandemie, die uns sehr viel länger beschäftigt, als wir alle anfangs wahrhaben wollten und für viele Kulturtreibende, insbesondere natürlich die Selbstständigen, ist die Lage mittlerweile sehr ernst.
Immer mehr von ihnen beginnen, sich beruflich neu zu orientieren, sich Alternativen zu suchen, neue Wege zu beschreiten, bevor die Demütigungsmaschinerie Hartz 4 sie verschlingt.

Doch auch die Festangestellten spüren mittlerweile, wie ihnen die Lage immer mehr entgleitet.

Wie sich in den letzten Wochen gezeigt hat, hilft es absolut nichts, wenn wir uns in aller Breite in unserer Social Media-Blase auskotzen – das nehmen nicht nur die Politiker sondern auch die meisten Menschen da draussen gar nicht wahr, wir kreisen nur verbal um uns selbst.

Ich bin persönlich auch nicht im geringsten überrascht von der Unkenntnis der Verhältnisse, der Lebensrealitäten der Kulturschaffenden seitens der politischen Klasse – der Bundestag besteht zu fast der Hälfte aus nur drei Berufsgruppen: Anwälte, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, also Berufen, die von unserem Alltag auch finanziell gar nicht weiter entfernt sein könnten.

Ebensowenig ist es hilfreich, der Gesellschaft mit Liebes- , sprich: Musikentzug zu drohen: Die einzigen, die wir damit bestrafen sind diejenigen, die in besseren Zeiten unsere Veranstaltungen besuchen!

Das einzige, dass wir nun noch aus eigener Kraft tun können, ist, zu zeigen dass wir immer noch da sind!

Dass wir relevant nicht nur im Leben unserer Fans sind, sondern relevant für eine Gesellschaft, die sich einmal durch Bildung und Kultur definiert hat, seit den katastrophalen „Reformen“ des Jahres 2003 jedoch immer weiter auseinanderdriftet, immer mehr zu einem brutalen jeder-gegen-jeden verkommt.

Denn hier liegt das große, das zentrale Problem unserer Gesellschaft: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Gesellschaft sich genau dahin entwickeln, wo sich die USA ausweislich der Vorgänge rund um die 2020er Wahl bereits befinden: Auf dem Weg zurück ins finstere Mittelalter, in eine Gesellschaft ohne Bildung, ohne Kultur, ohne jegliche Empathie und vor allem ohne etwas, das vielen nicht einmal mehr als Wort ein Begriff ist: Herzensbildung.

Denn was ist der Mensch ohne höhere Bildung, ohne Kultur, ohne all das schöne im Leben?
Gewiss, er kann existieren. Aber was ist das für eine Existenz, die das Schöne nicht mehr kennt, all das, was unser Leben besonders, einzigartig macht, die ihre Berechtigung nur noch nach wirtschaftlichem Erfolg, nach Statussymbolen bemisst?

Längst bewegen wir uns in Deutschland mit Siebenmeilenschritten in diese Richtung, wird zum Beispiel Kindern arbeitsloser Eltern ein höherer Schulabschluss verweigert, weil sie möglichst rasch dem Arbeitsmarkt (lies: dem Niedriglohnbereich) zur Verfügung stehen sollen.

Doch nicht nur dies: Schon in der Kindheit wird eben diesen Kindern der Zugang zur Musik verweigert, weil der Musikunterricht immer mehr zum Auslaufmodell wird, weil Musik im öffentlichen Raum immer öfter zu billigster Unterhaltung verkommt.

Doch was könnte wichtiger sein, als Kindern alle Möglichkeiten der Bildung in allen Bereichen, also auch der kulturellen Bildung zu bieten?

Es sei hier eine persönliche Anmerkung gestattet: Ich stamme aus einer, vorsichtig ausgedrückt, komplizierten Familie.
Die Musik war mein Lebensretter, mein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte in den verzweifelten, hoffnungslosen Momenten meiner Kindheit.
Ohne Musik wäre mein Heranwachsen überhaupt nicht denkbar gewesen – und es ist ja nicht so, dass die Lebensumstände der heutigen Kinder einfacher geworden wären, verglichen mit den 70er Jahren, in denen ich Kind war…..

So bin ich der festen Überzeugung, dass es unsere Aufgabe ist, die Untrennbarkeit von Bildung und Kultur wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern – und wir werden es zu Fuss tun müssen, denn wenn wir uns dabei auf unsere Politiker verlassen…..an dieser Stelle versage ich mir zu schreiben, was ich denke!

Und wir, wir alle müssen uns unseren Platz in der Mitte der Menschen wieder erobern, müssen nah bei den Menschen sein, nah bei ALLEN Menschen, unabhängig von Herkunft oder gesellschaftlicher Position.

Denn die Agenda 2010 hat ein gesellschaftliches Vakuum geschaffen, die Gesellschaft in Deutschland tief gespalten in verschiedene Gruppen, die in ständiger Unsicherheit um ihren Platz in der Gesellschaft und ihr kleines privates Stück vom Glück leben.

Und genau hier liegt nun, nein, nicht unsere Chance, sondern unsere Pflicht!
Denn unsere Pflicht, unsere Aufgabe als Musiker ist es, zu geben.

Wir sind diejenigen, die die Lebenswirklichkeit schön, oder wenigstens hin und wieder erträglich machen können, wenn es mal wieder besonders schlimm ist; die den Menschen vermitteln können, dass es da draussen in all dem Chaos eben doch noch etwas schönes gibt, dass einem wieder Mut gibt, weiterzumachen!

Und nicht nur sind wir viele, nicht nur sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – wir sind diejenigen, die den Menschen jenes Glück geben können, dass ihnen in ihrem Alltag immer mehr vorenthalten wird, in einem Alltag, der immer mehr zu einem nicht enden wollenden Rennen ums Überleben wird.

Und wenn wir es nicht tun? Dann gibt es da draußen immer noch Netflix, Spotify, YouTube, Apple Music, Amazon Music und viele andere, die längst ein gnadenloses Zerstreuungskartell gebildet haben.

Lasst uns also alle zusammen aus dieser Welt eine bessere machen, auch wenn wir dabei immer wieder auf Widerstände stossen werden – das Ziel ist viel zu gross, um sich von den Dornen auf dem Weg aufhalten zu lassen!

Kai Adomeit, 09.11.2020

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Wenn ich zurückblicken werde..

Diesen Text schrieb ich einem guten Freund Mitte März 2020, ganz zu Beginn der Corona-Massnahmen, als wir alle noch kaum etwas über die Bedrohung wussten.

Manchmal blicke ich ein bisschen voraus: Durch meine Korrespondenz mit Apple-Entwicklern in Asien gewarnt, wies ich diesen Freund daraufhin, wir müssten uns Gedanken darüber machen, wie wir als Musiker auf den heraufziehenden Sturm reagieren sollen – dies Anfang Januar 2020, und sein Blick verriet deutlich, dass er mich damals doch für ein wenig paranoid hielt.

Wer konnte ihm dies zum damaligen Zeitpunkt auch verdenken!

Hier nun also der Text, der mir gestern wieder in die Hände fiel….:

Wenn ich zurückblicken werde im Frühling 2021…

…dann werde ich auf eine Welt blicken, die sich verändert hat – oder eben auch nicht!

Denn nichts ist stärker als die Gier des Menschen. Stärker als der Selbsterhaltungstrieb und, oh ja, stärker als jeglicher Ehrgeiz, Dinge zum besseren zu wenden.

Denn ich blicke jetzt schon auf eine Welt, in der ein mehrfacher Milliardär die Politik erpresst, ihn mit Subventionen für seine Kaufhauskette (die er praktisch geschenkt bekommen hat) zu überschütten, da er sonst wirklich keine liquiden Mittel mehr hat, die Mieten für seine Kaufhäuser zu bezahlen.

Auf eine Welt, in der bedenkenlos Gesundheitssysteme kaputtgespart wurden – nicht nur in England, sondern überall! – , weil man die Bereiche, die das System früher finanziell am laufen hielten, an Aktienfonds verkauft hat, um vor einer anstehenden Wahl kurz die Steuern senken zu können – allerdings nur zum Vorteil derer, die sich ohnehin eine luxuriöse private Krankenversorgung leisten konnten.

Eine Welt, in der sich ein Milliardär die amerikanische Präsidentschaft gekauft (nicht nur er – ich kenne einen deutschen MdB, der sich seinen Sitz im Bundestag erkauft hat) und mitten in der Krise versucht hat, sich die exklusiven Patentrechte für einen möglichen Corona-Impfstoff zu sichern.

Soll doch die Welt zusammenbrechen, ich verdiene an jeder Impfung!

Auf eine Welt, in der die politischen Entscheidungsträger aus Bequemlichkeit oder auch aus purer Inkompetenz keine Entscheidungen treffen, ausser natürlich der jährlichen Entscheidung über ihre Diätenerhöhungen.

Eine Welt, in der die Menschen auf jeden selbsternannten Propheten aus dem Internet hören, nur weil er ihnen die Rückkehr zum gewohnten, alltäglichen verspricht – denn ihnen wurde ja jegliche Möglichkeit genommen, sich umfassend zu informieren, sich weiterzubilden, ihren Intellekt zu schärfen, indem man sie rund um die Uhr mit völlig sinn- und wertfreier Billigstunterhaltung zuschüttet.

Der einzig belustigende Nebeneffekt dabei: Die Leute sind inzwischen so uninformiert, leben so sehr in ihrer eigenen Gedankenblase, dass sie mittlerweile nicht einmal mehr wissen, wo sie bei der Wahl das Kreuz machen sollen und auf jede „Alternative“ hereinfallen, Hauptsache, sie schreit laut genug!

Auf eine Welt, auch das, in der jede aufgeklärte, sachlich argumentierende Stimme sofort niedergebrüllt wird, denn ein ungepflegter Fünftagebart ist natürlich in jedem Falle ein Zeichen größerer Kompetenz….

Eine Welt aber, und dies vor allem, die, sobald die Wirtschaft mit finanziellen Einbussen droht, sofort nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz schreit, jedes noch so fadenscheinige Argument, jede noch so plump gefälschte Statistik ist hier recht!

Denn es geht ja um die großen Werte des Menschen: Mein BMW! Mein Haus! Mein Handy!

Dass es der Wirtschaft um die wahrhaft großen Dinge geht ist da natürlich beruhigend: Mein Schloss! Meine Ferrarisammlung! Meine Insel in der Südsee!

Nur am Rande: In Deutschland sind 780.000 Menschen obdachlos. 

In einem Land, in dem es 126 Milliardäre gibt…..

Aber zurück ins Jahr 2021: Denn ich werde mit großer Sicherheit zurückblicken auf eine Welt, die absolut nichts gelernt hat.

Denn natürlich müssen nach dem Wirtschaftseinbruch zunächst einmal die Industrien wieder hochgepäppelt werden, schließlich war dort nie genug Geld da, um Rücklagen zu bilden! Seit Steinbrücks Steuerreform übrigens auch nicht, um in Deutschland Steuern zu zahlen, die Subventionen müssen nun wirklich die Arbeiter mit ihren Steuern finanzieren, die sie dann nicht auf ihrem Lohnzettel wiederfinden.

Gewinne sind immer willkommen! Verluste allerdings…da ist der Sozialismus dann ganz recht.

So wird also kein Geld da sein, um endlich den wahren Helden unserer Zeit, den Krankenschwester, den Altenpflegern, den Verkäufern im Supermarkt faire Löhne zu bezahlen.

Es wird kein Geld da sein, um die über Jahre kaputtgesparte Gesundheitsstruktur wieder aufzubauen und es wird kein Geld da sein, die von der Wirtschaft so gern bis an die Grenzen ausgenutzte Infrastruktur zu sanieren.

Vor allem aber, und dies nicht zuletzt: Es wird wohl weder Zeit noch Geld übrig sein, um über die wahren Lehren aus all dem zu reden, über den Verfall der Gesellschaft, über Moral und Anstand.

Denn dies wäre das Ende für all jene, die sich im System auf Kosten der Masse sehr bequem eingerichtet haben und nichts mehr fürchten als das Ende der Niedriglöhne!

Man stelle sich nur eine Gesellschaft aus aufgeklärten, Bildungs- und Kulturhungrigen Menschen vor, die den Dingen auf den Grund gehen, Massnahmen informiert hinterfragen und ihren Politikern und Wirtschaftsführern immer wieder mal sanft, aber bestimmt auf die Finger klopfen.

Das gab es schon, werden Sie sagen?

Ganz richtig, man nannte es Bildungsbürgertum, und für eine gewissen Zeit sorgte es tatsächlich für jenes Aufblühen, aufgrunddessen man Deutschland immer noch „Land der Dichter und Denker“ nennt.

Tempi passati – die Gier nach Besitz ist wohl einfach stärker, als die Gier nach Weiterentwicklung.

Darum, so fürchte ich, werde ich im Frühjahr 2021 auf ein Land zurückblicken, in dem sich nichts zum besseren, vieles aber zum schlechteren gewandelt haben wird.

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Warum „Nachts in der Philharmonie“?

Warum „Nachts in der Philharmonie“?

Meine Reihe von täglichen Videos aus der Philharmonie in Ludwigshafen verdankt ihre Existenz im Grunde einer Reihe von Zufällen.
Die ursprüngliche Idee war die, während der umbaubedingten Schliessung des Probensaals im Foyer Musik zu machen, um ein Zeichen zu geben, zu zeigen, dass das Orchester zwar ausgeflogen ist, das Gebäude aber trotzdem nicht verstummt.
Aufnahmen sollten nur ab und zu als Nebenprodukt entstehen – dann kam Corona…..

Die ersten zwei Wochen des Lockdowns waren eine bleierne Zeit, doch wurde mir bald klar, dass ich nicht einfach nichts tun kann.

So fing ich mit den ersten Aufnahmen an, zunächst konnte ich mir aussuchen, ob ich lieber einen verstimmten oder einen Flügel mit neuen, viel zu harten Hammerköpfen nutzen wollte, nachdem diese Hindernisse aber aus dem Weg geräumt waren, spielte sich dann bald eine gewisse Routine ein – „Nachts in der Philharmonie“ (dass bald „Keys to the Music“ heissen wird) war geboren!

Seitdem sitze ich alle 3-4 Tage spät Abends (es muss draussen dunkel sein, sonst stimmt das Licht nicht) im Foyer und nehme ein paar kurze Stücke auf, oft Sachen, die ich im normalen Konzertbetrieb nicht unterbringe, weil sie zu unbekannt oder, auch das, nicht für einen normalen Konzertabend geeignet sind, wie zum Beispiel die Springtime Suite von Eric Coates – wunderschöne Musik, ich liebe diese englische Zu-Spätromantik!
Aber eben schwierig in ein normales Programm einzupassen.

Mir ist durchaus klar, dass ich mich dem zur Zeit weit verbreiteten Vorwurf aussetze, unentgeltlich Musik zu machen, meine Kunst zu entwerten.

Nun, zunächst einmal ist das, was ich da tue, mit einem herkömmlichen Konzert überhaupt nicht vergleichbar, weder programmatisch, noch von der ganzen Atmosphäre her.

Dann ist aber auch im Laufe der letzen Wochen (heute ging Nr.65 ins Netz) etwas gewachsen, das einen leisen,aber stetigen Widerhall findet. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine mail oder eine Nachricht auf Facebook bekomme, die sich auf meine Aufnahmen bezieht, sogar Freundschaften sind entstanden.

Dann aber auch dies: Ich muss das einfach tun.
Es ist schwer zu erklären und klingt gewiss für manchen wie das Eingeständnis persönlichen Wahnsinns, aber ich muss Musik machen.
Denn ich weiss viel zu gut, wie es ist, dazu körperlich nicht in der Lage zu sein, sich aber nichts so sehr zu wünschen, wie Klavier spielen zu können.

Für mich ist das Getrenntsein von der Musik wie der Verlust der Fähigkeit, zu atmen, vielleicht sogar schlimmer.

So habe ich beschlossen, die Reihe weiter und immer weiter zu führen, auch wenn die Bedrohung eines Tages vorbei sein wird und wir alle wieder ganz normal ins Konzert gehen können – Literatur gibt es genug, ich bin seit vielen, sehr vielen Jahren ein fanatischer Notensammler!

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50mal „Nachts in der Philharmonie“ – Ein Gespräch

Dieses Gespräch mit James Clark (Malibu Times) war eine Überraschung und fand völlig unvorbereitet am 23.Mai 2020 statt

JC: Kai Adomeit, 50 mal „Nachts in der Philharmonie“ – ist jetzt, da die ersten Corona-Lockerungen Hoffnung machen, das Ziel erreicht?

KA: Einerseits ja, andrerseits definitiv nein! Ja, weil ich es geschafft habe, mich seelisch über die bleierne Zeit zu retten, indem ich mich in die Musik und ins Üben gestürzt habe, nein, weil ich Geschmack an dieser Form der musikalischen Selbstdisziplin gefunden habe.

JC: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen?

KA: Nicht durch Corona! Eine ganz ähnliche Idee hat mich schon seit längerem beschäftigt, aber ich fand nie die Zeit oder die Kraft, wirklich zu beginnen…..

JC: ….weil Sie beruflich so stark eingebunden sind?

KA: Definitiv. Ich habe im letzten Jahr sehr viel im Orchester gespielt, auch Projekte, für die ich sehr viel arbeiten musste und kam einfach nicht dazu, etwas für mich selbst zu tun. Im April diesen Jahres hätte das alles in einigen so anstrengenden wie wundervollen Projekten – unter anderem einer Aufführung des fünften Brandenburgischen Konzerts von Bach auf dem Klavier unter der Leitung von Michael Francis – kulminieren sollen – dann kam Corona……

JC:….das Sie vorausgeahnt haben? Stimmt das?

KA: Natürlich nicht!

Aber Sie wissen ja, dass ich seit vielen Jahren in der Apple-Entwicklergemeinde unterwegs bin. Die Nachrichten, die schon im Dezember aus China kamen, liessen keinen anderen Schluss zu als den, dass da eine potentielle Katastrophe auf uns zurollt.

JC: Und in dem Moment wussten Sie, wie „Nachts in der Philharmonie“ aussehen würde?

KA: Das wusste ich schon lange davor! Seit letztem Herbst wird der philharmonische Probensaal umgebaut und ich hatte immer geplant, während der Auslagerung des Orchesters Musik im Foyer zu machen, um dem Publikum zu signalisieren: „Das Orchester kommt bald zurück und selbst jetzt wird es nicht ganz still im Haus!“ Aber ich kam einfach nicht dazu!

JC: …und dann kam im März die Zwangspause?

KA: Ja. Zwei Wochen lang fühlte ich mich etwa so, als wäre ich in voller Fahrt frontal in eine Betonwand gefahren. Alles war wie mit Blei beschwert. Und dann fielen plötzlich alle Puzzlesteine in meinem Kopf in der richtigen Reihenfolge zusammen!

JC…und Sie fingen an, aufzunehmen!

KA: Fast. Die technischen Voraussetzungen hatte ich schon länger in der Hand, allerdings musste ich das Format noch entwickeln – einige bei Tag aufgenommene Videos waren optisch arg reizlos – und mich um die Instrumente kümmern.

JC: Gibt es denn in der Philharmonie Ludwigshafen keine Flügel?

KA: Oh, ganz im Gegenteil! Aber das Konzertinstrument des Orchesters, ein Steinway-Konzertflügel, war ziemlich verstimmt und mein eigenes Instrument, ein Schimmel K 230, hatte gerade neue, sehr harte Hämmer bekommen.

JC: Das heisst?

KA: Ich musste zunächst einen Stimmer finden, der in der Krise arbeitet, da sowohl mein üblicher wie auch der Stimmer der Philharmonie beide schon rein vom Alter in die Hochrisikogruppe fallen – anfangs galten ja vor allem Männer über 50 als extrem gefährdet, das Risiko geht man nicht ein, nur, weil man gerne seinen Flügel gestimmt hbekommen würde!
Dann musste ich die Hämmer in meinem eigenen Instrument im Schnelldurchgang weichklopfen in der Hoffnung, möglichst bald einen Techniker zu finden, der sich dann mit der Intonation der Hämmer beschäftigen würde.
Darum werden Sie in den ersten 20 Videos feststellen, dass ich nicht nur ein anderes Instrument spiele, sondern dieses auch anfangs noch etwas verstimmt ist.

JC: Sie mussten also mitten in der Krise auch noch investieren?

KA: Das ist das falsche Wort. Je mehr ich spiele, umso häufiger brauche ich natürlich den Stimmer. Und die neuen Hämmer waren schon lange geplant, das „schlechte“ Timing war schlicht purer Zufall.

JC: Ich würde gerne auf das ungewöhnliche Repertoire eingehen, dass Sie aufnehmen. Ich habe sie ja in den USA mehrmals gehört, da ist mir diese Vorliebe für Miniaturen und Raritäten so nicht aufgefallen.

KA: Nun, die Vorliebe für versunkenes Repertoire hatte ich immer! Und was die Miniaturen betrifft: Ich hatte schon lange einen Programmentwurf mit dem Titel „Auch kleine Dinge können uns entzücken!“ aufgeschrieben, jetzt kann ich ihn in ganz anderer Weise umsetzen.
Ausserdem: Ich habe die Zeit nicht, die Videos aufwendig zu schneiden und nachzubearbeiten, normalerweise nehme ich einfach mehrere Takes auf und hoffe, einen verwendbaren dabeizuhaben, was die Länge der Stücke etwas beschneidet, denn wenn Sie jedes Stück in einem Durchgang ohne Inserts aufnehmen, wird schon eine Chopin-Ballade zu einem Marathon – ich arbeite aber daran, versprochen!

JC: Sie machen also die Aufnahmen ganz alleine? Wie darf ich mir das in der praktischen Umsetzung vorstellen?

KA: Nun, für ein Aufnahmeteam fehlt mir wirklich das Geld!
Ich habe ein sehr gutes Mikrofon (Shure MV 88), das ich auf mein iPhone 11 stecke. Dieses kommt mit einem Adapter auf ein Stativ, dann bestimme ich die Perspektive, indem ich den richtigen Abstand zum Flügel suche.

JC: Und dann gehen Sie jeden Abend in die Philharmonie?

KA: Ich gestehe: Ich schummle ein wenig. Alle paar Tage setze ich mich hin und nehme mehrere Stücke auf, das macht auch die Übedisposition einfacher.

JC: Und wie kam es zu Bach?

KA: Ja…….(lange Pause)…..Bach ist für mich der größte Komponist aller Zeiten. Ich liebe seine Musik sehr, vielleicht mehr, als mir selbst bisher klar war.
Aber gleichzeitig ist seine Musik für mich mich einem schweren persönlichen Kummer belegt, einem Schmerz, den ich über viele Jahre mit mir herumgetragen habe.
Nun spiele ich ja, wie Sie wissen, überhaupt nicht mehr von gedruckten Noten, sondern nur noch vom iPad, will sagen, ich habe all meine Noten immer mit mir. Eigentlich wollte ich im Vorgriff auf meinen für die Spielzeit 20/21 geplanten Beethoven-Zyklus einige Stücke von Beethoven heraussuchen, nun liegt Beethoven alphabetisch sehr nahe bei Bach….

JC: ….und da stiessen Sie auf die Inventionen!

KA: Richtig! Vor denen hatte ich schon als Kind einen Heidenrespekt, so sehr, dass ich nie mehr als zwei gelernt habe.

JC: Sie haben nur zwei Inventionen gespielt?

KA: Richtig! Ausserdem eine Partita, zwei Präludien und Fugen, eine halbe französische Suite und die Goldberg-Variationen.

JC: Und warum jetzt ausgerechnet die Inventionen?

KA: Weil die mich zwingen, zu arbeiten! In keinem anderen Werk der Literatur wird soviel innere Selbstdisziplin verlangt, wie in diesen so einfach klingenden Stücken.

JC: Kai Adomeit, wie geht es nun weiter? Mit „Nachts in der Philharmonie“ und allem anderen?

KA: Nun – das Leben geht weiter! Zunächst natürlich einmal mit den nächsten 50 Stücken – aufgenommen habe ich tatsächlich schon bis Nummer 63 – und dann immer weiter. Es gibt nichts gesünderes, als so zum Üben, zum immer neuen Entdecken verpflichtet zu sein!

JC: Und „live“?

KA: Live geht es bald wieder mit den Kollegen von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz weiter, zunächst nur in kleiner Besetzung, aber hoffentlich eines nicht zu fernen Tages auch wieder alle zusammen – schliesslich muss ich irgendwann auch mal wieder ans Geldverdienen denken!

JC: Das heisst, „Nachts in der Philharmonie“ ist Ihr Privatvergnügen?

KA: Aber ja! Niemals hätte ich ein solches Projekt unter der Vorbedingung des Müssens angefangen, gerade durch die totale Freiheit wurde das erst möglich.
Es ist für mich schon ein großes Privileg, unter diesen luxuriösen Bedingungen arbeiten zu dürfen, ich bin sehr dankbar dafür und geniesse das sehr!

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„Auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben“

Ein Gespräch mit Beat Fehlmann

„Auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben“

Ein Gespräch mit Beat Fehlmann, seit dem 1.9.2018 Intendant der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz 

Dieses Interview wurde zwischen dem 11.Februar und dem 2.Mai 2019.in Ludwigshafen/Rhein geführt.

Beat Fehlmann spricht ein ungemein reiches, sehr individuell gefärbtes, idiomatisches Deutsch. Die Bedächtigkeit, mit der er formuliert täuscht, denn der Reichtum seiner Sprache, sein Wortschatz lässt selbst Muttersprachler zum Duden greifen.

Ich habe versucht, die Eigenart seiner Ausdrucksweise, die Komplexität seiner Gedankengänge soweit möglich unverändert zu dokumentieren. 

Kai Adomeit: Worin unterscheiden sich eigentlich Deutscher und Schweizer Humor? 

Und: Ist es wahr, dass die Schweizer so calvinistisch-diszipliniert sind, dass sie sich niemals langweilen?

Beat Fehlmann: Mit dem Humor, da weiß ich nicht, was der Unterschied ist. Ich glaube, es gibt auf beiden Seiten definitiv Humorlosigkeit, die ist in beiden Ländern verbreitet und ich glaube, das ist in beiden Fällen schade. 

Ich weiß es tatsächlich nicht.

Mit der Disziplin: Ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt, aber das ist so ein Lebensgefühl, so eine Art, die schon vieles durchdringt, aber das geht noch weiter als nur um emsiges Arbeiten oder auch nicht: Es ist auch diese Art von Zurückhaltung, dass man nicht nach aussen stellt, was man ist, was man hat und die andere Seite ist der Zweifel, der immer mitschwingt. 

Etwas was wir Schweizer glaube ich nicht gut können ist: „Ich“ sagen. Das können Deutsche viel besser. 

Es gab ja eine Zeitlang in der Schweiz etwas wie ein „Deutschland-Bashing“, ich glaube, das ist vorbei – so meine Wahrnehmung – und ich glaube, dass viele darunter gelitten haben, dass Deutsche mit einer Selbstverständlichkeit Dinge so hinstellen können während wir immer noch parallel mitdenken: „Ja, aber es gibt natürlich auch noch die andere Perspektive“. Es fällt uns dann schwer, das abzustellen, führt aber dazu, dass wir viel seltener sagen: „Ja, das ist aber so und so und das machen wir jetzt so!“ 

Das führt natürlich ein bisschen dazu, dass man glaube ich nicht immer sicher ist, ob das dann auch eine Durchsetzungskraft hat, dass man also trotz des Zweifels zielorientiert vorgehen kann, vielleicht nicht zielgerichtet im Sinne von: „Wir schlagen jetzt hier die Schneise und mir ist es egal, jetzt geht es hier durch“, sondern eher „..kann ja sein“. Da ist dieses Relativieren, man kann sich nie sicher sein, dass das nicht in der Kommunikation manchmal auch hindert, das im „so ist es!“ nicht jeder weiss: „naja gut, also…“.

Ich glaube, das war so ein Problem für eine gewisse Zeit, dass man so in dieses Dilemma kommt: „Soll ich jetzt auch vereinfachen?“, weil es so wahrgenommen wird, „Soll ich das jetzt ausblenden? Aber ich denk doch das automatisch mit!“

Ich glaube, dass wir uns etwas besser daran gewöhnt haben, vielleicht auch besser geworden sind, ich weiss es nicht.

Auf der anderen Seite funktioniert genauso ja letzlich unser System, nicht so stark im polaren ich bin links, Du bist rechts, damit vertrete ich diese Richtung. 

Auf den ersten Blick ist dass ein bisschen langweilig, aber ich glaube, es ist am Ende des Tages doch ziemlich effizient, weil es, ganz ohne das zu verklären, etwas schafft: Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe da eine gute Geschichte, als ich neu in Deutschland war, hatten wir damals in der Schweiz eine Abstimmung wo es darum ging, soll man die Anzahl der regulären Urlaubswochen von vier auf fünf erhöhen. Und dann sagten alle: „Na das ist doch ein klarer Fall“ und ich: „Nein, das ist überhaupt kein klarer Fall!“. –  „Wieso, alle wollen doch mehr Urlaub?“ – „Nein, wir überlegen uns natürlich auch: Hohe Löhne, sind wir dann noch marktfähig, was heißt das dann für die Wirtschaft, können wir dann noch bestehen?“

Und die Reaktion war auf beiden Seiten doch typisch – die Abstimmung ist übrigens so ausgegangen, dass wir nur vier Wochen haben – weil sich die Leute nicht getraut haben.

Das ist vielleicht dieses Calvinistisch-Zwinglianische, diese protestantische Ethik, Max Weber in Reinkultur, etwas, das das Denken ganz stark durchdringt und sich dahingehend doch sehr unterscheidet.

KA: Ich lese regelmässig zwei Schweizer Zeitungen, die NZZ (Neue Zürcher Zeitung), die ja doch sehr wertbürgerlich ist und die Weltwoche (BF lacht), die ja für schweizerische Verhältnisse doch geradezu die Revolution ausruft. Ich finde das Spannungsfeld zwischen den beiden interessant, zu sehen, wie selbst in der Weltwoche Roger Köppels „Raus aus der sozialistischen EU“ durch Kommentare seiner Redakteure immer wieder relativiert wird, wie er selbst gerade das sogar ausdrücklich anerkennt.

BF: Die „Wochenzeitung“ wäre noch das andere, um das zu ergänzen, das ist dann das linke Spektrum.

Die Weltwoche ist letztlich eine Witznummer. Aber leider auch ernstzunehmen. Das ist ja das Problem, die sind ja nicht doof. Aber eben hochgradig manipulativ.

„Ich habe keine Mühe, einen Umweg zu machen, wenn es dessen bedarf.“

KA: Um vielleicht beim Schweizer noch ein bisschen zu bleiben: Führt Beat Fehlmann seine ja doch sehr beeindruckende innere Ruhe auf seine Herkunft zurück? Also das, was man von aussen merkt. Ich hänge die zweite Frage gleich dran: Ist Beat Fehlmann wirklich ein so ausgeglichener Charakter, wie er es nach aussen hin kommuniziert, oder kocht es ganz tief in ihm weißglühend?

BF: Also, ich glaube nicht, dass es kocht, im Sinne von brodeln, oder, dass das aktiv unterdrückt wird. Das glaube ich tatsächlich nicht. 

Also, die Ruhe, das sind ja zwei Aspekte: Das eine ist, dass die Leute oft denken, nur weil ich langsam spreche, dass ich länger denken muss…..

KA: Das meinte ich gar nicht! Ich denke, sehr viele Kollegen nehmen wirklich eine sehr große grundsätzliche Gelassenheit wahr.

BF: Ja, aber ich glaube, das ist tatsächlich etwas, das ich gut kann. Ich habe das Gefühl…wenn wir zurückkommen wollen zu diesem Begriff, dann glaube ich, dass ich zielorientiert bin, aber nicht zielgerichtet. 

Ich habe keine Mühe, einen Umweg zu machen, wenn es dessen bedarf. Ich habe nicht Angst, die Kraft oder Orientierung zu verlieren. Ich habe auch nicht Angst davor, mal ein Ziel aufzugeben, wenn es Erkenntnisse gibt, die neu oder anders sind, das passiert nicht so oft, aber es passiert. 

Aber ich habe nicht Angst davor, dass man so nicht immer ans Ziel kommt und dass es manchmal auch diesen Umweg braucht, weil die Konstellation so ist. Das ist etwas, was mich nicht verunsichert und wo ich nicht das Gefühl habe, dass ich da etwas aus den Augen verliere. 

Da kann man natürlich jetzt ganz leicht diesen Bogen schlagen und in die Metaphorik des in den Bergen unterwegs seins einsteigen. Das ist natürlich auch einfach, weil man Schweizer immer gerne mit Bergen verbindet, das aber tatsächlich ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend ist, ich sehr viel in den Bergen war. In dieser Naturgewalt kriegt man halt auch immer zurückgespielt wo man ist und das man nicht gewinnt, wenn man sich nicht schlau anstellt.

Die Natur ist immer stärker. Wir können uns darin bewegen, wir können auch auf den Gipfel kommen, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. 

Das ist tatsächlich etwas was ich von Kindesbeinen sehr früh immer gemacht habe und was ich auch nach wie vor tue, wenn auch nicht mehr so intensiv, so extrem wie in früheren Jahren – ich bin ein gemütlicher Wanderer geworden, auf meistens markierten Strecken, das war nicht immer so, das kann schon sein, dass mich das geprägt hat. Es ist natürlich auch ein bisschen verlockend, dass so zu greifen, weil es so gut passt, aber es ist tatsächlich auch ein wichtiger Teil meiner Sozialisierung, was mich ausmacht.

KA: Ich kann das durchaus verstehen, ich möchte das auch gar nicht profanisieren. Man steht da in den Bergen und die Natur ist so ungeheuer groß….

BF: ….das relativiert das eigene Sein…

KA: …man fühlt sich ganz klein und unwichtig….

BF: ….und das tut gut! Ich kann mich gut erinnern, das war für mich so selbstverständlich. 

Wir waren irgendwann einmal in Bremen, fast 2 Jahre, und ich war, glaube ich, in dieser Zeit nie in den Bergen und bin dann nach dieser Zeit mal dahingefahren und dann habe ich das deutlicher wahrgenommen. 

Ich habe auch viele in Bremen getroffen, die sagten „wir fahren da nicht so gerne hin, diese Pässe, das ist nicht so mein Ding, das macht mir ein bisschen Angst“. Und ich dachte: Was ist denn hier los?

Da konnte ich das zum ersten Mal nachvollziehen, wenn sich das plötzlich wieder so erhebt, wie mächtig das ist, das habe ich glaube ich so auch selten erlebt, weil das so selbstverständlich war und immer dazugehörte und ich nicht Angst sondern eine Faszination für diese Landschaft, für diese Erhebungen habe und ich es tatsächlich irgendwie schön finde da drauf zu steigen und runter zu gucken, das hat etwas erhebendes.

KA: Es gibt ein Gerücht: Stimmt es, dass Sie Schweizer Reserveoffizier sind?

BF: (lacht) Nein! 

KA: Sie haben nur den üblichen Wehrdienst hinter sich gebracht…..

BF: Genau, meine Dienstwaffe war die Klarinette. „Spiel mir das Lied vom Tod“, darüber hinaus ist es nicht gegangen.

KA: Was ja auch auf den potentiellen Feind schon sehr einschüchternd wirken kann!

BF: Genau!

KA: Eigentlich wissen wir ja gar nichts über Sie. Was wir wissen: 1974 geboren, bisher war er in Konstanz und jetzt ist er da. Woher kommt eigentlich Beat Fehlmann?

BF: Ich bin am Land aufgewachsen, in einem kleinen Dorf zwischen Basel und Zürich. Das ist das Mittelland an der Aare, ein Fluss, der dann bald in den Rhein mündet, wo ich aufgewachsen bin. Das war eine sehr behütete Kindheit mit diesen sehr kleinen räumlichen Strukturen. 

Eigentlich wollte ich immer Oboe lernen, das war mein Wunschinstrument und meine Eltern hatten das auch unterstützt, aber es war tatsächlich so: Ich hätte, um Oboe zu lernen, nach Zürich fahren müssen. Von dem nächstgrößeren Ort, mit Bus und Zug ist das in einer Dreiviertelstunde zu machen. Aber das war damals unglaublich weit weg, da ist man nicht hingefahren, oder einmal im Jahr. 

Das zeigt so die Veränderungen, Leute, die da wohnen, die arbeiten auch in Zürich, das war früher nicht so, da hat man da gearbeitet, wenn einer 20 Minuten fahren musste, dann hat man sich schon überlegt ob das sinnvoll ist. Diese kurzen Wege, diese kleinen Strukturen wo man auch gut aufeinander aufpasst, mit allen positiven und schwierigen Momenten, das hat das sehr geprägt, so bin ich aufgewachsen, sehr behütetet, in einer Welt, wo vieles auch ein bisschen vorgegeben ist und ich es immer schwierig fand – warum macht man denn Dinge, die eigentlich keiner sinnvoll findet, oder die Frage nach dem Warum keiner schlüssig beantworten kann, na dann macht mans doch auch nicht mehr, das ist so ganz typisch für so eine Welt, die so: Das macht man halt so, das machen wir alle, das haben wir schon immer so gemacht. 

Das hat auch durchaus seinen Charme, dieses aufeinander gucken, es ist ambivalent, im Sinne von man guckt genau, was macht der, aha, das macht man aber nicht, auf der anderen Seite gibt es aber auch diese Solidarität und Unterstützung, das ist halt schon ein Geflecht, das trägt und das hat auch was.

KA: Und wann hat sich dann herausgestellt, dass Sie Musiker werden wollen?

BF: Bald, ich denke mit 13 war das so ein Wunsch. Aber ich bin ja in einem eher ländlichen Umfeld groß geworden, in einer Familie mit wenig Bezug zur Musikwelt. 

Es gab lediglich einen Musiker, der ist aber relativ früh verstorben. 

Er war Solofagottist in Bern, da hatte ich noch ein bisschen Kontakt als Kind, als ich angefangen hatte mit dem Instrument, aber dann ist er gestorben und das war so der einzige, der in dieser völlig anderen Welt gelebt hat. Ansonsten hat man das geschätzt, meine Eltern haben das auch unterstützt, aber niemand wusste genau, was ist das denn eigentlich?

Die pragmatische Frage: Kann man denn davon leben, das konnte da niemand so richtig beantworten, weil man nicht wusste, was ist das überhaupt für ein Beruf, was sind das für Menschen, denn abgesehen von Lehrern hatten wir keine persönlichen Beziehungen zu dieser Welt. 

Das habe ich natürlich auch ganz deutlich gemerkt, in dem Moment wo ich dann angefangen habe an der Musikhochschule als Jungstudent, wo ich dann auch gemerkt habe – also ich war auf dem Land derjenige der gut spielen konnte, da gabs halt nicht viele – zu sehen, da gibts auch andere die gut sind, das ist das eine, aber auch zu merken, die kommen aus einem ganz anderen Kontext, die haben diese Stücke dann doch irgendwie alle mal live gehört, die ich nur von der Platte kenne, die gehen ständig in die Oper und die kennen den und den. 

In diesem Leben, in dieser Welt drin sein, das war ich halt überhaupt nicht, das war für mich fremd und so habe ich mir das dann erarbeitet, da war für mich schon vieles nicht klar, wie das geht und ich musste das irgendwie kennenlernen. 

Ich bin dann da so reingewachsen.

KA: Dann kam aber offensichtlich etwas anderes. Sie sind dann zum Studieren nach Amerika gegangen?

BF: Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Ich fand, das größte Problem damals war, dass man das Instrument nicht zur Verfügung hatte in Europa. Damals gabs in der Schweiz einen Dirigierstudiengang der Hochschulen in Zürich, Bern und Genf, die hatten sich zusammengetan und das Diplomkonzert hat man dann entweder mit dem Orchestre de la Suisse Romande, mit dem Basler Sinfonieorchester oder mit der Tonhalle Zürich gemacht. Vorher hat man diese Orchester aber nie gesehen, nie mit ihm arbeiten können. 

Das ist im Prinzip so, als würde man einem Pianisten die Klaviatur hier auf den Tisch malen und dann macht er die Prüfung aber auf einem Steinway und er weiß nicht wie ihm geschieht und dann geht das gut – oder auch nicht. 

Das Instrument nicht zur Verfügung haben, das ist einfach ein großes Problem. 

In den USA sind die Strukturen andere, wir hatten ein eigenes Orchester für die Dirigenten, klar, das hat auch nicht allen Spielern Spaß gemacht, aber die lernen Repertoire, die lernen sich zurechtzufinden in dieser Orchesterwelt, man steht halt wirklich in der Woche mehrere Stunden vor dem Orchester und kann ausprobieren, das gehört halt einfach dazu, diese Routine zu haben und das, fand ich ist da besser gelöst. 

Das war der Grund warum ich in die USA gegangen bin, danach aber wieder zurück. Dann habe ich noch Komposition studiert in Hannover, bei Johannes Schöllhorn.

KA: Was geschah eigentlich danach, zwischen Hannover und Konstanz?

BF: Während eines Teil meines Studiums in Hannover haben wir in Bremen gewohnt. 

Sandra hat dort ihre Meisterklasse gemacht an der Kunsthochschule, sie ist Keramikerin. Da ich nur einmal die Woche nach Hannover musste, war das die beste Lösung.

KA: Und dann kam die Stelle in Konstanz?

BF: Dann kamen erst einmal zehn Jahre als freiberuflicher Musiker. So war ich unterwegs als Dirigent, Komponist und Klarinettist. Mit der Zeit hat der Wunsch, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren aber zugenommen und so habe ich mich entschieden, in den Bereich der Administration zu wechseln.

Nach einer Weiterbildung an der Universität Zürich im Bereich Kulturmanagement war ich zunächst bei der Kammerphilharmonie Graubünden und bin dann nach und nach vom Musikerdasein in die administrative Tätigkeit hineingewachsen.

KA: Wo ist eigentlich der Ausgangspunkt? Was war der erste Moment, an den BF sich erinnern kann, in dem er Musik bewusst wahrgenommen hat?

BF: Das war tatsächlich ein Orchesterkonzert. Das weiss ich noch ganz genau. 

Ein amerikanisches Orchester, Cincinnati Symphony mit Jesus Lopez-Cobos als Dirigent, mit Elgars Enigma-Variationen, was sonst noch am Programm war, weiss ich nicht mehr, aber Enigma-Variationen, das ist ja eine Kitschkiste, aber schon wahnsinnig toll! Und die haben einfach sehr gut gespielt, muss man sagen, das hat mich unglaublich beeindruckt! 

Da war diese ganze Herrlichkeit da, diese Eindrücklichkeit in den Farben und in dieser Unmittelbarkeit – Großartig!

Das ist ja das brutale: Als junger Dirigent ist man voller Ideen, man weiss genau wie man es haben will, aber natürlich überhaupt nicht, wie man mit so einem Klangkörper umgeht, wie man den dahin bringt und ist teilweise auch mit Problemen konfrontiert, an die man gar nicht gedacht hat.

Das merkt man halt nur, wenn man das auch in einer gewissen Regelmäßigkeit macht. Auch schon, um nur abgebrüht zu werden, zu wissen: „Jaja, komm, das gehört jetzt halt dazu, da lass ich mich gar nicht drauf ein..“, die große Kunst ist ja in den Proben letztlich zu wissen: Wann stoppe ich diesen Zug, was tue ich dann und warum an dieser Stelle? Ich kann das erstens non-verbal regeln und habe zweitens das Vertrauen, dass das kommt, ich muss da nicht drauf hinweisen. 

Dass zu lernen, es gibt sicher Leute, die sind unglaublich begabt und haben so diesen Instinkt dafür, aber letztlich ist da halt Praxis einfach wichtig. 

Man muss vor einem Orchester stehen, viele Werke lernt man letztlich auch im Konzert.

Es gibt so viele Momente wo man plötzlich merkt, jetzt funktioniert die Form oder nein, funktioniert immer noch nicht, ich schaffs nicht, ich komm nicht an das Ding ran.

KA: Absolut. Ich denke: In der Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester drückt sich ja ganz viel, ich möchte mal sagen nicht unbedingt menschliche Zuneigung zueinander aus, aber es spielt natürlich schon eine große Rolle, wie man mit einem Dirigenten menschlich harmoniert, wie menschlich dieser Dirigent mit einem Orchester umgeht. Wir erleben das ja gerade hier in Ludwigshafen. 

Man kann von Michael Francis ja nun wirklich nicht sagen, dass er Konzessionen mache beim Dirigieren, dass er dem Orchester entgegenkäme, aber in dieser ungeheuer stringenten Art die er ja hat, diesem Können, dass er immer wieder beweist, da will das Orchester dann eben auch mitspielen, nicht weil er sonst unangenehm würde – was er nicht tut – sondern, weil er einfach so überzeugend ist!

Wie gestaltet sich eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Intendant und Chefdirigent ganz praktisch? 

Inwiefern müssen Sie Michael Francis immer mal wieder die Träume vom Himmel pflücken, oder haben Sie eine gemeinsame Richtung gehabt, in die es von Anfang an ging?

BF:  In dem konkreten Fall war das so, dass ich ja schon etwas länger hier war als er, ein paar Wochen, und hatte so ein bisschen Gedankenvorsprung. Da haben wir uns sehr schnell darüber ausgetauscht, dass habe ich ihm auch dargelegt, was da die Überlegungen sind. 

Das hat er sich sehr genau angehört, präzise nachgefragt und dann haben wir angefangen zu bauen und gemeinsam Ideen zu entwickeln.

KA: Ich frage auch deswegen: Er war ja Orchestermusiker in England, hatte und hat eine Chefposition in den USA und eine in Schweden, wo sich ja bei allen Gemeinsamkeiten die Systeme doch sehr deutlich unterscheiden. Wie sehr mussten Sie ihn gewissermassen schubsen oder wie weit war er schon „da“?

BF: Also, ich glaube, dass hier seine Erfahrung aus den USA schon ganz zentral ist. Music Director bei einem amerikanischen Orchester ist eine sehr umfassende Verantwortung, die nicht zu vergleichen ist mit einer Chefdirigentenposition hier, geht sehr viel weiter, wo es ganz direkt darum geht: Findet das was ich tue, was ich programmiere auch eine Resonanz? 

Und zwar ganz direkt! Das merkt man natürlich schon, das prägt sein Denken. 

Ich sage immer, typisch ist in seiner Haltung eben nicht, dass er hier aufschlägt und sagt: Mich interessiert der Mahler-Zyklus, um es so klischeehaft zu sagen. 

Seine Erste Frage ist: Was brauchen hier die Menschen? 

Welche Bedeutung hat hier Musik, das ist eine völlig andere Haltung, die sicherlich genauso konsequent eine eigene künstlerische Haltung weiterträgt, aber trotzdem auch reagiert auf einen Kontext und nicht nur von sich selber ausgeht. 

Das unterscheidet ihn schon ganz stark von anderen, die dieses Metier prägen. Ich glaube, das ist sehr, sehr typisch und dass das vor allem die Erfahrung aus den USA ist.

KA: Das sehr praktische…

BF: Ich würde das nicht als praktisch beschreiben, ich glaube das ist die Ebene, dass man sich immer überlegt wir tun etwas, dass sich an jemanden adressiert und man sich um dieses gegenüber auch kümmert und dieses Gegenüber ernst nimmt, dass das bei den Überlegungen auch eine Rolle spielt. 

Nicht nur: Ich muss jetzt mein Repertoire erweitern und ich will jetzt aus irgendwelchen Prestigegründen oder damit ich die nächste  Stelle da und da bekomme hier das und das machen, ob das jetzt hierher passt, ob das jetzt die Bedürfnisse dieser Menschen oder dieser Region sind oder diese komplett ignoriert. Das ist der Unterschied!

Das würde ich nicht als pragmatisch bezeichnen, das wäre für mich nicht die richtige Formulierung! Es ist eine Haltung die sich des Gegenübers bewusst ist, 

die die Kommunikation ganz stark ins Zentrum stellt und weiss, das Kommunikation eine gegenseitige Sache ist und nie einseitig. 

KA: Wie haben Sie die Südwestdeutsche Philharmonie in Konstanz eigentlich wahrgenommen, bevor Sie dort Intendant wurden und wie war das in Ludwigshafen?

BF: Ich kannte beide Orchester vorher und Konstanz war immer so ein bisschen… aus der Schweizer Perspektive hat man ntürlich sehr genau wahrgenommen, dass das so eines der deutschen Orchester ist, das sehr präsent war am Markt. Teilweise auch im Kontext, wo man gemerkt hat, OK, das war jetzt nicht nur ideal, aufgrund der Leute, die gebucht und das verantwortet haben ,aber schon auch als ein sehr guter Klangkörper, der sehr aktiv in der Region wirkt und hier in Ludwigshafen hab ich vor allem diese Steffens-Zeit mitbekommen, vorher kannte ich das Orchester auch nicht, das war nicht so mein Fokus: Deutsche Sinfonieorchester, da habe ich mehr neue Musik gemacht.

Aber mit Steffens, ich kannte die Aufnahmen, habe ein paar Konzerte gehört, fand das immer sehr beeindruckend, mich hat das immer interessiert, dieses Repertoire was er relativ früh gemacht hat, diese Modern Times-Geschichte, das fand ich schon bemerkenswert, sehr spannend, vor allem darüber habe ich das Orchester eigentlich wahrgenommen.

KA: Inwiefern unterscheiden sich Planungen, auch langfristige Planungen in beiden Städten und was haben sie, bezogen auf die Orchester, vielleicht gemeinsam?

BF: Ja, gemeinsam haben sie, dass es natürlich immer ganz stark darum geht, sich zu überlegen, zu reflektieren und zu entwickeln, die Fragestellung nach der Funktion innerhalb der Gesellschaft. Ich finde, diese Fragestellung ist einfach eine ganz grundsätzliche. 

Und ansonsten, ja danach gehts auf die Antwortebene, geht es darum, spezifische Zugänge, spezifische Haltungen oder Antworten zu finden zu dieser generellen Frage und die sind nun mal ganz unterschiedlich, weil die Städte völlig anders sind und weil die Regionen völlig anders sind.

Im Grundsatz gibt es da völlige Übereinstimmung aber in der Ausarbeitung, glaube ich, fast keine Schnittmenge, das sind völlig andere Kontexte, andere Problemstellungen, Herausforderungen, zumindest in meinem Denken.

KA: Was mag, was bewundern Sie an der Staatsphilharmonie und wo würden Sie sich wünschen, die Staatsphilharmonie würde sich noch mehr von alten, liebgewordenen Gewohnheiten trennen können?

BF: Also ich finde, was ich ganz ausgeprägt wahrnehme ist diese Selbstverantwortung, das zeigt sich ja auch bei verschiedenen Projekten: Die Kammermusikreihe, Tag der offenen Tür, das sind ja Dinge, die gibts auch bei anderen Orchestern und die werden oft sehr ähnlich gemacht. 

Aber ich finde, hier hat das so einen Stolz, eine Wichtigkeit und so eine Ernsthaftigkeit, die ich als ganz besonders bezeichnen würde.

Also, ich glaube das ist etwas, was dieses Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Menschen zeigt, das finde ich sehr ausgeprägt und ich finde, das ist ein Orchester, das ist durch diese Situation sehr anpassungsfähig und kann mit schwierigen Situationen ziemlich gut umgehen, so dass man es nicht hört, dass es gerade sauschwer ist.

Das ist schon etwas, das ich sehr bewundere. Dass die Konstanz in der Qualität, die die abrufen können unter unterschiedlichsten und schwierigen Bedingungen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. 

Das ist etwas, was da ganz stark drinsteckt und das ist eine ganz große Qualität dieses Ensembles, das ist toll und sehr bewundernswert!

Die Zöpfe, die man abschneiden sollte…

KA: …im Sinne von: Gewohnheiten, die da sind, Dinge, an die man sich gewöhnt hat, „das war schon immer so, das haben wir immer schon so gemacht“….

BF: ….es fällt mir gar nicht so viel ein, weil ich finde, dass es doch eigentlich eine große Offenheit gibt, wenn man mit Ideen kommt, ist es nicht: „Ach nein, das machen wir anders….“ Den Satz habe ich selten gehört. 

Deshalb fällt es mir jetzt auch schwer, einfach zu sagen, also das und das….muss dringend verändert werden, sonst wird das schwierig. 

Ich hoffe, dass grad auch im Bereich Qualität oder Eigenverantwortlichkeit, wenn es um Klang und Zusammenspiel geht, dass es da gelingt, dass das Orchester das noch stärker in der eigenen Hand behält und sich noch autonomer schaltet gegenüber Leuten die vorne stehen. 

Ich finde, da ist schon viel gemacht, das ist auch auf einem guten Weg, aber da würde ich dem Orchester wünschen, dass sie da noch weiter gehen können und noch unabhängiger werden, nicht um irgendjemanden da auszubremsen, ganz im Gegenteil, aber um einfach für sich so dieses Selbstverständnis und dieses Verantwortungsbewustsein das auch noch in einer ähnlichen Konsequenz noch auf das gesamtmusikalische Ergebnis übertragen kann zu haben: „Das sind wir“!

Nicht im Sinne einer Starrheit („so machen wir das!“), aber dass es so ein Selbstverständnis gibt: „drunter machen wir es nicht!“ 

Ich habe vorhin schon gesagt, die Konstanz in der Leistung ist etwas herausragendes, aber ich glaube, es könnte noch einen Schritt weitergehen und das würde ich dem Orchester wünschen, weil ich glaube, dass das viel zur Identität beiträgt, mehr nach innen als nach aussen, und ich mir auch vorstelle, dass das eine Zufriedenheit geben kann, die man aus sich selber schöpfen kann, das fände ich schön, wenn das noch ein bisschen besser gelänge, dass sich das weiter gut entwickelt, das wäre vielleicht die adäquate Formulierung.

KA: Worin besteht für den Intendanten die besondere Rolle der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen? Wie sollte die Interaktion mit der Stadtgesellschaft stattfinden? Gerade, weil es in Ludwigshafen ja eine sehr besondere Gesellschaft ist?

BF: Ja, ich finde, wir sollten halt schon versuchen, möglichst viele Menschen nicht im Sinne von: alle, aber doch möglichst viele unterschiedliche Menschen zu erreichen. 

Ich sage immer, wenn wir die Bahnhofstrasse hinunterlaufen und die Menschen sitzen da in ihren Cafés und Läden, von Brautmoden bis Schlafzimmerausstattungen und Bäckereien bis Handyläden, sollten die wissen: „Oh, das sind die durchgeknallten von der Philharmonie, die finde ich cool!“ 

Das fände ich total schön, das ist so meine Wunschvorstellung, dass, wenn da die Orchestermusiker gemeinsam runterlaufen, wir reinwinken können und die Leute nur denken: „Ach, die….hoffentlich kommen die nicht zu uns, sonst wolllen die wieder so ne verrückte Geschichte machen“, aber dass sie eben trotzdem wissen: Ach ja, das sind die! 

Das ist so eine repektvolle Art von: Oh ,das sind die Verrückten, die guten Verrückten! Durchaus auch mit nem Fragezeichen, aber „die meinen es irgendwie schon ernst und die nehmen uns auch ernst“. 

Dass es uns gelingt, dass das wirklich auf Augenhöhe gelebt wird und wir uns auch einlassen können aufeinander, das ist ja kein kolonialistischer Gedanke im Sinne von „Wir beglücken euch jetzt mit Klassik, damit ihr die besseren Menschen werdet, das müsst ihr jetzt hören, müsst ihr jetzt verstehen und dann wird das was“ – so ist es ja nicht.

Aber ich finde, wir sollten versuchen, unsere Faszination und das, was wir damit verbinden, was wir erleben können, was viele Menschen so nicht können, das ist etwas ganz faszinierendes, ich finde, das sollten wir mit möglichst vielen Menschen teilen können, da brauchts unterschiedliche Antworten, unterschiedliche Annäherungen, aber da geht es nicht um Missionieren, das meine ich damit nicht. 

Das ist eine komplizierte Grenze, die lässt sich nicht einfach so definieren, da gibts glaube ich keine klaren Linien, aber ich finde, man muss sich dessen bewusst sein, dass es eben nicht diese „wie machen jetzt einen besseren Menschen aus dir“ – Attitüde wird.

KA: Wie haben Sie die Monate der Suche nach dem neuen Chefdirigenten erlebt? Es wurde ja im Grunde genommen nach der Entscheidung für den neuen Intendanten noch mal ein neuer Anlauf unternommen. Wie haben Sie erlebt, was vorgegangen ist? Wie haben Sie den Prozess miterlebt, was hat dieser Prozess mit ihnen gemacht?

BF: Ja, ich habe mir schon große Sorgen gemacht. Anfangs habe ich mir schon gedacht: Oh je, kann man das retten, kriegen wir das hin? 

Ich habe dann verschiedenes versucht und gemerkt, naja, das ist jetzt nicht mehr von der Spur zu bringen und ich habe gemerkt, das ist jetzt auf die Gleise gesetzt worden und läuft jetzt durch.

Eine Weichenstellung grundlegender Art war nicht mehr möglich, was ich noch tun konnte, war zu versuchen, den Zug zu beschleunigen. 

Dann gibts nämlich zwei Möglichkeiten, entweder wir rasen mit großem Erfolg ins Ziel oder das Ding fährt so gegen die Wand, das auch klar ist, dass der Zug kaputt ist.

KA: Dann gab es ja die Finalrunde mit acht Dirigenten und eben den letzten drei, die dann sich nochmals vorgestellt haben. 

Wie waren die Empfindungen, als es dann doch auf ein Ziel zulief, als allen klar war: Da sind wirklich interessante Kandidaten dabei.

BF: Ja, das war der Moment, wo ich dachte, jetzt kanns gut kommen, jetzt geht das in ne Richtung, die interessant ist und jetzt kann man drüber diskutieren und zwar auf einem vernünftigen Niveau. 

Das war natürlich erst mal entspannend und erfreulich.

Dann war das alles auch spannend zu sehen, das waren ja die ersten Konzerte, wo ich hier war, und ich hatte in dieser Übergangsphase fast keine Zeit für Konzerte. 

Ich war zwar relativ viel hier, aber ich habe ganz wenig Konzerte geschafft. Das ist natürlich besonders eindrücklich, wenn man so neu kommt, da ist auch vieles besonders und manche Dinge kann man noch nicht einschätzen: Was heißt das jetzt, wenn es in der Probe so läuft, wie ist das Konzert nachher, das war schon sehr aufregend, aber positiv. 

Ich war vor allem gespannt, wie so eine Reflexion im Orchester dann aussieht, ob es da dann eine Meinung gibt, oder wie weit diese auseinander liegen. 

Meine Erfahrung mit solchen Prozessen ist schon so, wenn man so was dann mal gemeinsam diskutiert, dass man schon oft erstaunt ist, wie weit die Einschätzungen auseinander liegen.

Wo man für sich selber denkt: Naja, das ist jetzt einfach objektiv gesetzt, das ist jetzt klar und dann merkt man aber trotzdem, dass man mit ernsthaften Menschen spricht, die eine komplett andere Meinung haben! Was denn jetzt? Warum, Wie? Das ist unmöglich, das war doch jetzt ne klare Sache? 

Das ist schon spannend! Was mach ich denn jetzt damit? Das muss man auch verarbeiten können, das war nicht einfach. 

Das einfachste wäre natürlich zu denken: Das ist jetzt einfach falsch! Aber das wäre dann der grösste Fehler, den man machen kann.

KA: Dann gab es ja doch ein sehr eindeutiges Votum für Michael Francis, danach wurde, so meine Wahrnehmung von aussen, noch recht lange über den Vertrag diskutiert, über Details, das ist ja ganz normal. 

Was ging Ihnen durch den Kopf als klar war: Jetzt ist der Vertrag fertig, jetzt wird unterschrieben und dann geht es los.

BF: Das war gar nicht so einschneidend. Das hat aber damit zu tun, dass ich das tatsächlich anders erlebt habe. Die Abwicklung ging extrem schnell, auch wenn das von aussen vielleicht nicht so ausgesehen hat, aber im Hintergrund war alles extrem effizient. Natürlich auch mit der Problematik, dass Michael in den USA war und sehr eingespannt in dieser Zeit. Trotzdem ging das sehr schnell. 

Michael war von Anfang an sehr offen und sehr ehrlich und hat sich sehr schnell mit mir verständigt. Er wusste vorher schon, dass er das möchte und sagte: „Was auch immer jetzt alles passiert, wir werden das verhandeln, aber Du musst wissen: ich will das. Wir werden einen Weg finden“. 

Wir haben parallel zu den Verhandlungen längst in Programm und nächsten Schritten gedacht. Natürlich war ich auch froh, als alles dann unterschrieben und durch war, aber das war jetzt nicht so der eine Moment….

KA:….im Grunde genommen war schon klar, er wird kommen, es ging nur noch um die Verschriftlichung….

BF:…und wie machen wir das, dass es für ihn gut ist, sinnvoll ist, das in zwei Sprachen, das macht alles noch ein bisschen komplexer, mit zwei Kontinenten, Agenturen dazwischen, aber letztlich ging es sehr effizient und unkompliziert, lösungsorientiert. 

Deswegen hatte ich nie den Eindruck: Das ging jetzt lange. Eigentlich ging das extrem schnell. 

Wir waren Mitte Oktober so weit und wir waren einen Monat später durch. 

Michael konnte einfach nicht vor dem 6. Dezember 2018 herkommen.

Das wichtigste für mich war in dem Verfahren letztlich, das Orchester mit an den Tisch zu bringen, das war Teil dieser Schnellzugstrategie. 

Ich wusste natürlich, dass ich damit ein großes Risiko eingehe, aber ich fand das wichtig und das hat ja letztlich zu dem Resultat geführt, das wir jetzt haben, dass es so eine klare Zustimmung gab. 

KA: Wie begegnen Sie eigentlich Veranstaltern, Solisten, Agenten, ihren ganz persönlichen Wünschen und Nöten?

BF: Ich bin ein lösungsorientierter Mensch, kann auch sehr klar kommunizieren – wenn es sein muss! In der Regel verstehens die Leute vorher.

KA: Was macht ein Intendant eigentlich genau? (BF lacht) 

Wie ist so sein alltägliches Verhältnis zu den Veranstaltern? 

Wie bewältigt er die Spannungen, die sich daraus ergeben, dass er sowohl der Vertreter der Musiker, wie auch der Verwaltung, wie auch des Ministerius ist, denn im Grunde gibt es da ja ein natürliches Spannungsverhältnis!

BF: Ja, das ist in diesem Orchester auch noch mal besonders ausgeprägt  und das ist glaube ich etwas vom schwierigsten und verrücktesten, was diesen Klangkörper ausmacht, was viele gar nicht so verstehen, glaube ich von aussen: Das Orchester macht einen sehr geringen Anteil an eigenverantworteten Veranstaltungen und der Rest hat mit diesen Veranstaltern zu tun, das ist schon eine der ganz spezifischen Herausforderungen, die dieses Orchester mit sich bringt. 

Es ist nicht einfach, Vertrauen muss man sich auch immer erarbeiten und teilweise gibt es ein unglaubliches Anspruchsdenken: So und so will ich das haben und da einen Weg zu finden der letztlich auch künstlerisch sinnvoll ist und nicht dazu führt, dass das Orchester jeden Abend dann doch ein anderes Programm zu spielen hat, mit einem anderen Solisten, das ist schon echt harte Arbeit und teilweise stösst man da auf Unverständnis, gerade auch wenn es zum Beispiel um Gagen von Wunschsolisten geht. 

Ich kann das auch weder dem Steuerzahler noch dem Landtag gegenüber verantworten. Das ist teilweise schwierig, eine große Herausforderung und ein Dilemma, das man nie ganz lösen kann, es ist ein Puzzle und es ist echt ganz schwierig, da eine gescheite Linie hinein zu bekommen, das ist glaube ich so ungefähr das schwierigste, was es hier so gibt. 

An vielen Orten spielen ja auch noch andere Orchester, da potenziert sich das ganze…..das ist schwierig und nicht gut für das Orchester, weil es führt zu einer unglaublichen Verengung des Repertoires oder es führt dazu, dass das Orchester unglaublich viele Programme spielen muss, was der Qualität einfach nicht zuträglich ist. Eine gewisse Flexibilität ist ja schön, aber es ist einfach unbefriedigend, unterprobt irgendwelche Dinge über die Rampe bringen zu müssen, das ist nicht angenehm.

Meine Erfahrung mit der Berühmtheit der Solisten…ich glaube, das wird komplett überschätzt. Meine Erfahrung ist wirklich eine andere: Wir innerhalb der Szene, wir kennen natürlich die Namen, aber den meisten Leuten sagt das doch letzlich nichts. Die sprechen dann an auf Beethoven und auf Mozart….

KA: Das alte Phänomen: Die 5.Beethoven geht immer…..

BF: Ja, aber bis man jemanden hat, einen Solisten, der Beethovens 5.Klavierkonzert spielt und der tatsächlich durch die Tatsache, dass er das spielt, zusätzliche Tickets verkauft, den muss man mir erst mal zeigen.

KA: Oder es ist Anne-Sophie Mutter, die man nicht bezahlen kann.

BF: Ja, klar. Aber das sind 5 weltweit……es ist ein riesiges Kombinationsspiel, das muss man halt einfach machen, dass man das so hinkriegt, das das Orchester attraktive Programme spielen kann und die möglichst oft spielen kann, das ist echt so…..da habe ich schon in viele Tischkanten gebissen.

Das ist schwierig!

KA: Wird sich denn die Staatsphilharmonie in der Zukunft auch intensiver mit Othmar Schoeck, Hans Huber (Schweizer Komponisten) und Frau Stirnimaa (Der große Hit der Schweizer Folk-Gruppe „The Minstrels“) befassen? 

BF: Ich bin nicht ein Botschafter oder Verfechter irgendwelcher lokal verorteten Musik. Kann sein, dass diese Musik eine Rolle spielt, aber ich bin kein Missionar für bestimmte Dinge, also wenn es um Komponisten geht. Mein Thema ist: Die Musik zu den Menschen. Da ist mir jedes Werk und jedes Mittel recht, um es jetzt mal auf den Punkt zu bringen.

KA: Wie funktioniert es denn, wenn die Staatsphilharmonie als mitarbeitendes Orchester eingekauft wird, zu einem Festival oder als Begleitorchester? Inwieweit nimmt der Intendant in solchen Situationen überhaupt Einfluss?

BF: Da versucht man dann zu schauen, dass Programme entstehen, die eine gewisse Dramaturgie haben und zwar so, dass das Orchester als Star aus der Nummer rausgeht, das finde ich einfach wichtig und dass das Orchester sich möglichst in einem guten Licht darstellen kann, das beinhaltet halt Besetzungen, Repertoire, Konzertwiederholungen, strategische Repertoiredisposition innerhalb der Saison, vernünftige Reisebedingungen…ich versuche immer den Weg zu finden, dass es diesem Anspruch, auch genügend Zeit zu haben, das zu liefern und das auf einem guten Niveau liefern zu können einigermassen gerecht wird. Das ist ein Geben und Nehmen. 

Und ich finde eben, das über 80 Prozent der Aktivitäten dieses Orchesters fremdbestimmt sind ist halt schon ne Riesennummer, das ist eine Herausforderung für das Orchester. 

Schwierig.

KA: Nun sind wir natürlich nicht die Berliner Philharmoniker, die diesen Luxus des eigenen Konzerthauses, die ja ganz andere Möglichkeiten der Eigenveranstaltungen haben…

BF: Klar! Aber trotzdem, ist es schon so: Für ein Staatsorchester ist das schon wahnsinnig wenig, wo man wirklich Profil zeigen kann. 

Das sieht man ja auch daran, dass man Dinge wie „Modern Times“ entwickelt hat, eben fünf solche Hämmer in zehn Tagen programmiert hat, um genau das dann eben doch noch leisten zu können.

Dass aber auch nur mit einer Komplettüberforderung des Publikums und auch des eigenen Personals, das wirkt dann zwar primär auf dem Papier, aber in der Realität eben auch nicht uneingeschränkt. 

Ich kann das aber auch verstehen, weil man letztlich eben nicht so viele Spielwiesen hat um sich klar zu positionieren.

KA: Wie begreift ein Intendant seine Autorität und wie geht er damit um? Setzt er sich eine „Intendantenmaske“ auf, sobald er das Büro betrifft (BF lacht), oder bleibt er der authentische Mensch?

BF: Ich bin nicht so ein Faschingstyp….man weiß das ja nie so genau, aber ich glaube nicht, dass ich mich verändere! 

Natürlich gibt es eine Abgrenzung zwischen Beruf und Privat, das ist ganz klar und Autorität: Ich würde sagen in 99 Prozent aller Fälle ist das klar und muss nicht nach vorne gestellt werden und dann gibt es ab und zu mal was, wo ich wirklich sagen muss: Ist jetzt so und gut. 

Aber meistens braucht es diese Verstärkung gar nicht. Ich versuche schon, ganz klar zu sein, es gibt Sachen, da kann ich auch loslassen und es gibt andere, da weiß ich ich will sie so haben.

Manchmal ist es effektiver, einen gemeinsamen Weg zu finden, auch in so einer Führungssituation, jemand das Gefühl zu geben, er hat die Lösung jetzt selber gefunden. Weil es glücklicher macht, weil es mehr Energie freisetzt und weil es auch am ehesten mal noch eine Idee dazu bringt oder einen Aspekt, der einem so nicht eingefallen wäre und das trägt ja immer zur Verbesserung der Sache bei! 

KA: Ich nehme die Gesellschaft in den USA als ungemein verroht, kalt und egoistisch wahr. Ist das eine rein subjektive Wahrnehmung, oder ist das die – wünschenswerte? – Zukunft für uns alle? Werden wir uns den Wünschen der globalisierten Gesellschaft, der globalisierten Wrtschaft auch unterwerfen müssen? Werden wir zu Drohnen, oder bin ich persönlich nur zu freidenkend?

Wohin wollen wir uns entwickeln? Sollen wir dahin kommen, dass jeder nur noch sein eigenes Feld beackert, oder sollen wir versuchen eine Gesellschaft zu bleiben?

BF: Nun, auf jeden Fall müssen wir eine Gesellschaft bleiben. Ich glaube, dass das komplizierte an der jetzigen Zeit, an der momentanen Situation ist, dass man doch sagen kann: Die Systeme haben versagt. 

Wir können nicht zurück zum Sozialismus, das funktioniert nicht und die Grenzen des marktwirtschaftlichen Denkens, die werden uns ja so vor den Kopf geknallt und ich glaube, wir erfahren und sehen ganz deutlich, dass das kein lebenswerter und wünschenswerter Zustand sein kann. 

Aber, was im Moment dieses Vakuum ist, ist warscheinlich auch das gefährliche an der jetzigen Zeit, das eine neue Systematik, ein anderes Denken noch nicht da ist, also, es ist da, es ist ja nie so, dass das nicht vorhanden wäre, aber wo es ist, es ist schwierig zu finden für die Gesellschaft. 

Ich finde, wir sollten auf jeden Fall darum kämpfen, dass die Errungenschaften der Gesellschaft, der sozialen Gesellschaft nicht verloren gehen, denn was ist die Konsequenz? Wir würden uns ein paar wenigen gigantischen Konglomeraten von Firmen ausliefern, die uns letztlich manipulieren.

Ich glaube auch nicht, dass das auf lange Frist gutgehen kann. Die Gefahr bei diesen Dingen ist  halt immer: Wie schaffen wir, das in einem politischen oder gesellschaftlichen Diskurs zu behalten ohne dass wir einander wehtun müssen? Das ist doch die große Gefahr. Schaffen wir eine Evolution oder läuft es auf eine Revolution hinaus? 

Das ist meistens nicht ohne Unmenschlichkeit vonstatten gegangen in der Geschichte, das ist für mich die grösste Sorge, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass wir ja sagen zu einem System das längst krank ist, das hat glaube ich doch ein Großteil durchschaut, dass es nichts taugt, oder nichts taugt im Sinne von einer Zukunft.

KA: Wie geht ein BF mit Krisen um? Beruflicher Art? Was macht er zum Beispiel, wenn Unruhe im Orchester entsteht? Wenn Entwicklungen, die ihn beruflich tangieren, in eine falsche Richtung laufen?

BF: (Denkt lange nach) Die Antwort fällt deshalb nicht eindeutig aus, weil es kein Rezept gibt. Ich glaube, es lässt mich auf jeden Fall nicht kalt, verdrängen ist nie eine Option. Aber die Frage ist: Wie aktiv und an welchem Punkt eingreifen? Das kann unterschiedlich sein. 

Was aber verbindend ist, dass es ein Reagieren und ein strategisches Agieren darauf gibt. Und das ich hoffe..(lacht) jetzt kommt der Schweizer….ich hoffe, dass es mir gelingt, dann doch deutlich zu unterscheiden, wo geht es jetzt um Personen, wo gehts um die Sache, also, nicht, dass die menschliche Ebene überhaupt keine Rolle spielt, Probleme lassen sich nicht nur pragmatisch lösen. 

Auf so eine Entwicklung bezogen: Wie stark hat das jetzt einfach mit mir zu tun? Geht mir das gegen den Strich, oder ist das auch eine schlechte Entwicklung für die Institution? 

Diese Abwägung, die kann schon auch mal zu unterschiedlichem Handeln führen. Da hoffe ich, dass es mir gelingt zu unterscheiden, wo ist es jetzt eine Egogeschichte, die mich persönlich trifft, aber eigentlich nichts mit der Sache zu tun hat und wo laufen wir in eine Entwicklung rein, die ich für problematisch halte und die ich nicht möchte.

Ein offensives Umgehen damit ist sicherlich wichtig. Aber was das dann in Handlung konkret heisst, das kann auch mal defensiv sein, wenn ich das Gefühl habe, dass es das Problem besser löst.

KA: Was bewegt einen, der einen so ganzheitlichen Zugang zur Musik hat wie Sie – Komponist, Klarinettist, Dirigent – ein Orchester zu leiten?

BF: Ich empfinde es als eine sehr erfüllende und spannende Tätigkeit, ein Ermöglichen. 

Mich fasziniert diese Musik, die bedeutet mir sehr, sehr viel und ich habe irgendwann in meinem Leben entschieden, dass es für mich das wichtigste ist, das möglichst viele Menschen mit dieser Musik in Berührung kommen und diese Faszination an möglichst viele Menschen übertragen werden kann.

Das kann ich in dieser Funktion glaube ich, mit den Möglichkeiten die ich habe, am besten, und deshalb tue ich das und deshalb ist es mir auch so wichtig, weil es für diese Gattung erst mal unglaublich tolle Werke gibt, die wir unbedingt immer neu lesen müssen und weil ich auch finde, dass diese Gattung auch immer noch neue Werke verdient.

Ich glaube auch, das ist eine der eindrücklichsten Formen des Musikmachens und ich glaube deshalb dass ein Orchester eigentlich sehr gut funktioniert wenn es darum geht, die Leute zu berühren mit Musik, ich glaube dass das ein Orchester sehr gut kann und dass das die große Stärke dieser Gattung ist. 

Schematisiert würde ich sagen: Das Orchester halte ich für die eindrücklichste Form der Musikpräsentation, Musikvermittlung, aber dann schwingt wieder mal so ein Wort mit, das noch was anderes meint, aber deshalb vielleicht der Wiedergabe von Musik.

Deshalb ist das ein sehr gutes Medium um das zu erreichen.

Wenn es nur um die Musik geht sind mir kleine Formen natürlich genauso lieb weil dieses intime und intensive, was in Kammermusik steckt halt auch unglaublich stark ist – aber das kann was anderes. Und Orchestermusik finde ich kann vor allem viele Menschen erreichen und berühren, und das noch direkter einfach auch durch die schiere Masse und durch die grössere Kraft noch mehr . 

Deshalb finde ich das faszinierend und deshalb finde ich das wichtig.

KA: Wenn Sie drei musikalische Wünsche hätten….

BF: Was ich mir sehr wünschen würde, wäre, dass zeitgenössisches Musikschaffen, zeitgenössisches Komponieren wieder den Weg in die Gesellschaft findet und nicht diesen Exotenstatus hat. Das sich da nicht nur eine ganz bestimmte Randgruppe interessiert und sich dieser riesige Graben von fast 100 Jahren wieder schliesst, dieser Graben von fast 100 Jahren im Sinne von dass ich das Gefühl habe, dass ein Großteil unseres Publikums, mal abgesehen von so einer begeisterten Spezies, die nach Donaueschingen und diesen Orten pilgert, dass die eigentlich komplett aufgeschmissen sind und fast nicht in der Lage sind, 100 Jahre Musikgeschichte zu adaptieren oder das in ihre Empfindungswelt, ihre Wahrnehmungswelt zu integrieren.

Das ist tatsächlich etwas, was ich mit einer gewissen großen Verzweiflung betrachte und wo ich mir wünschen würde, dass das irgendwie näher zusammengeht. 

Ich glaube schon dass es das braucht, dieses verstörende oder das Aufbrechen in neue Welten, wie heißt es so schön bei Zarathustra, dass das neue immer auf Taubenfüssen daherkommt und es da nicht so eine riesige Diskrepanz gibt.

KA: Ich frage mich einfach oft: Ich bin professioneller Musiker, habe tatsächlich hunderte von Uraufführungen zeitgenössischer Werke gespielt und wenn nicht einmal ich diese zeitgenössische Musik verstehe…

BF: Ja, das ist sehr klar, dann wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen die in dieser Stadt in diesem Land leben mit dem, was wir tun etwas persönliches verbinden, das es eine Bedeutung hat für möglichst viele Menschen – das ist für mich ganz zentral, dieser Wunsch.

KA: Was wäre der Traum einer Saison, ganz und gar vom Intendanten entworfen – ganz ohne Budgetzwänge?

BF: Diese Utopie ausleben, dass wirklich jeder die Chance bekommt, mit dieser Art Musik in Berührung zu kommen, das wäre schon schön, nicht?

KA: Mich beeindruckt immer wieder: Komponist, Klarinettist, Dirgent, Intendant und im Grunde in jeder musikalischen Sparte mal etwas gewesen – was prägt jemanden, der so breit aufgestellt ist, prägt sein musikalisches Weltbild, als was begreift er sich?

Natürlich begreift er sich jetzt als Intendant, aber: ist immer noch diese kreative Unruhe in ihm drin? Da ist doch eigentlich noch ein Klarinettist, ein Dirigent in ihm drin unterwegs, ein Verkannter?….

BF: Um auf diese Unruhe zu kommen, da läuft es, glaube ich, eher auf die Komponisten-Unruhe hinaus, als auf das andere, aber …..es ist wirklich überhaupt nicht so, dass ich da sitze oder stehe und höre und gucke und irgendwie denke: 

Ich müsste da jetzt ran. Wirklich überhaupt nicht. 

Aber ich glaube, dass ich immer noch ziemlich gut höre und auch die Werke noch ziemlich gut kenne und auch immer noch Partituren lesen kann. 

Das ist, glaube ich, das wichtigste, das schönste: Immer. wenn ich die Sachen wieder aufschlage und das klingt noch, das ist immer noch da, das ist schon schön…

KA: Das heisst, die eigenen Sachen oder andere?

BF: Die von anderen. Das ist schon schön, wenn man das einfach auch gelernt hat und dass das auch so bleibt…nicht mehr ganz so schnell, das ist logisch, aber ich kann das immer noch und ich höre auch immer noch ziemlich gut.

Und wenn es die Unruhe gibt, dann ist es am ehesten, weil ich Musik denke oder höre und das immer mal wieder für mich im Kopf weiterentwickle, mir aber im Moment nicht die Zeit nehme – und auch nicht gebe – um da wirklich dranzubleiben, um das zu schreiben, aber das ist auch schön, ich kann das jetzt immer noch vorwärtstreiben, ich kanns mir vorstellen und ich könnte immer noch das Papier nehmen um das aufzuschreiben, das ist einfach gut, wenn man das noch kann. 

Aber es ist jetzt nicht so, dass ich da irgendwie ungeduldig frustriert wäre, im Sinne von: „Jetzt habe ich meine Arbeit längst erledigt, dass ich endlich wieder schreiben kann“. 

Ich könnte jederzeit wieder anfangen. 

Ab und an mach ich ja was und ich dirigier auch ab und an mal wieder was, spielen ist halt wirklich vorbei, das müsste ich zwei Jahre lang trainieren, damit wieder was ginge….

KA: Die allgemeine körperliche Fitness, die natürlich wahnsinnig schwer zu erhalten ist, wenn man nicht ständig dranbleibt….

BF: Und das ist natürlich der Vorteil, Dirigieren ist ja nicht so kompliziert, also, natürlich kann man das auch besser und schlechter machen, aber es ist grundsätzlich, von der Technik her, nicht so kompliziert. 

Ich mache dann ganz spezielle Sachen, irgendwelche Uraufführungen, bei Sachen, die sehr kompliziert sind, wo andere Leute wahnsinnig Mühe haben, das zu lernen, das ist dann irgendwie auch gut, weil ich die Sachen anwenden kann, die ich gelernt habe. 

Es fällt einem halt einfacher, wenn man Dinge auch selber schreibt, man relativ schnell adaptieren kann, Stile, Schreibweisen, aber auch selber mal Material angefasst hat, kann man sich das schneller draufschaffen.

Ein Paradebeispiel ist, wenn wir jetzt bei Michael Francis bleiben, der ist ja etwas jünger als ich und der ist jetzt auch kein alter Dirigent in dem Sinne, wo Du schon merkst, diese Zeit, die ich die letzten Jahre damit verbracht habe, mir Gedanken zu machen, wie muss Gesellschaft funktionieren, wie funktioniert Musik in der Gesellschaft und wie können wir Institutionen dahin bringen, dass sie was miteinander zu tun haben, hat er vor dem Orchester gestanden, und das sind Welten. 

Und diese Unterschiede werden immer größer, das ist ja auch faszinierend zu sehen, wie so ein Weg geht und da schätze ich mich schon sehr realistisch ein, dass es mir da nicht brennt unter den Nägeln, auch wenn ich manchmal denke: „Och komm, das ist jetzt eigentlich nicht so schwer“, aber das führt nicht dazu, dass ich denke: Würde ich da jetzt stehen, würde es funktionieren.

KA: Eine verrückte Idee: Warum dirigiert BF nicht einmal im Jahr ein musica viva-Konzert, mit irgendwelchen ganz krassen Werken….

BF: Schauen wir mal…

KA: ….vielleicht auch mit einem originalen Fehlmann, und das ganze unter der Überschrift: Chefsache

BF: (sehr amüsiert) Chefsache…die Träume eines Intendanten! Schaun wir mal!

KA: Was geht in Ihnen vor, wenn alles getan ist, wenn das Licht ausgeht, wenn die Zuschauer still werden und das Konzert beginnt? 

Könne Sie ein Konzert noch wirklich geniessen oder geht ihnen vielleicht permanent durch den Kopf, was alles noch passieren könnte?

BF: Also, es gibt sicher auch diese Momente wo ich weiß, wenn jetzt das noch kommt, dann wird es echt eng, das gibt es sicherlich auch mal. Aber ich würde sagen, in 90 Prozent der Fälle setze ich mich da rein und kann – das finde ich das schöne – mich komplett auf die Musik konzentrieren und kann mich komplett darauf einlassen, auf das Werk, auf das Erlebnis. 

Ich höre ja viele Konzerte mehrfach und das hilft warscheinlich auch, dass man das gut kann. 

Es gibt ja schon auch die Möglichkeit, jeden Abend noch ein bisschen besser zu werden. Manchmal lese ich auch unter dem Tag und denke mir so: Das ist mir gestern entgangen, das ist so wichtig, wieso höre ich das nicht, warum erinnere ich mich nicht daran. Und dann nochmal zu hören und zu prüfen, dieses wirklich voll einlassen auf die Musik und in dieser Musik sich bewegen, das ist schön, das ist toll! 

Repetition hilft halt auch, so trainiere ich auch Wahrnehmung, jedes Mal. 

Es ist ja tatsächlich nicht einfach, so eine Aufmerksamkeitsspanne wirklich zu haben, wirklich drin zu bleiben und zu hören.

Natürlich gibts auch Momente wo ich denke: Oh, das muss ich noch machen, das darf ich jetzt nicht vergessen, aber ich würde sagen, zum Großteil bin ich in der Musik und das ist schön!

KA: Ich gestehe, ich bin etwas neidisch auf diese Konzentrationsfähigkeit…

BF: Es ist schon verrückt, wie stark man springt. Ich merke das auch immer wieder. Ich merk das auch beim lesen und…es ist wirklich verrückt, wie selten es das gibt, dass ich wirklich eine Stunde lese und nicht noch: Hier kurz und da noch – und die email beantworte ich auch noch – sondern wirklich: lesen. 

Mehr als eine Stunde schaff ich fast nicht, also nicht nur zeitlich, sondern auch konzentrationsmässig, ist schon verrückt, da war ich auch schon mal besser. Die Konzentration, die Aufmerksamkeitsspanne ist echt ein Thema und das ist natürlich für Musik genau so.

KA: Das Aufwachsen in unserem Luxusghetto, in einer bildungsbürgerlichen Umbgebung, wieweit versperrt es möglicherweise den Blick auf die Umwelt, wie schärfen Sie den Blick für all das, was sich auf den Straßen um SIe herum tut? Lassen Sie das an sich heran, oder betrachten Sie das einfach?

Oder ist das durch die Konzentration auf die berufliche Tätigkeit soweit ausgeklammert, dass das eigentlich keine Rolle spielt?

BF: Doch, es spielt schon eine Rolle, aber ich weiß nicht so genau, wo die Grenze ist zwischen einer relativ objektiven Betrachtung, der Beobachtung und dem Schritt weiter. Wo diese Grenze genau ist, das fällt mir schwer…ich glaube, dass ich relativ gut von dem einen in das andere wechseln kann, sehr gut die Grenze ziehen kann, weiß: OK, Das hat jetzt die und die Konsequenzen, die Wand ist jetzt zu dick zum dagegen anrennen – ich suche nach dem Weg durch die Hecke und finde den Ausweg. 

Man weiß natürlich nie, etwas objektiv zur Kenntnis nehmen und weglegen ist natürlich auch eine Form der Bequemlichkeit, das ist klar und es ist glaube ich niemand davor gefeit. 

Aber ich glaube, ich verzettle mich nicht sehr oft und kann in solchen Situationen sehr genau einschätzen wie meine Ressourcen sind und kann glaube ich auch sehr genau sagen, OK, ich bin für das da, das ist meine Aufgabe, das muss ich zuerst lösen und dann kann ich switchen, dann kann ich wechseln und das sehr schnell und sehr klar. 

Ich glaube, ich kann dann wirklich auch Dinge in dem Moment ausklammern, das ist dann nicht weg aber in dem Moment kann ichs komplett verdrängen, das führt natürlich auch dazu, dass ich ehrlicherweise auf die Fragestellung nicht so genau antworten kann.

Es wäre ein bisschen unvorsichtig zu sagen, dass man genau weiss, wo lass ich das an mich rankommen oder mach ich das nur objektiv? 

Es ist eine Mischung – aber ich bin sehr pragmatisch.

KA: Das Wort „zielorientiert“ passt ja auch genau so auch auf Michael Francis‘  Probenarbeit sehr schön: Es ist nie persönlich, er nimmt einen nie persönlich auf den Kieker, sodern er erwartet, dass man mit ihm den Weg geht, so gut, wie nur irgend möglich….

Was machen Sie in den stillen Stunden, in denen Sie ganz bei sich sind? Kein schreiendes Kind, keine dienstlichen Verpflichtungen – träumen Sie von einer besseren Welt? 

Oder machen Sie sich einfach nur Gedanken über ein Stück, dass Sie komponieren könnten…..

BF:  Ich würde nicht sagen, dass ich von einer bessseren Welt träume, aber ich mache mir Gedanken, ganz explizit, zu meiner Stellung in der Welt, das meine ich nicht im Sinne von gesellschaftlicher Stellung, sondern im Sinne von was das denn bedeutet, dieses grundlegende kommt dann: Ich und Welt und Welt und ich und meine Wahrnehmung und: Wie funktioniert das überhaupt? 

Wie funktioniert Menschsein? Das ist eine spannende Sache, ich mache das gerne, aber nicht so oft….

KA: Was würde BF als Person gerne noch besser können, was würde er gern noch lernen? Eine Fähigkeit, eine Kompetenz….

BF: (langes Nachdenken) Das ist nicht einfach…nicht weil mir nichts einfällt (lacht), es ist mehr die Reihenfolge…ich glaube, was ich wirklich gerne gut können würde, ist so auf der psychologischen Ebene, Beweggründe Verhaltensweisen, Interaktionsmechanismen besser verstehen zu können. Durchschauen ist das falsche Wort, es geht nicht um das, Verstehen trifft es auch nicht ganz, aber: Einordnen, nachvollziehen, sich dem annähern, ich kann es gerade nicht gut formulieren, aber es wäre schon toll, wenn man das gut könnte…

KA: In einer perfekten Welt…..

BF: ….(denkt lange nach)…eigentlich glaube ich, es ist der Respekt, der wirklich gelebt wird und in jedem Moment seinen Platz hat. Der Respekt untereinander und der Respekt für das, was uns umgibt, vom Mensch über die Natur…dann ist der Friede auch die logische Konsequenz. 

Deshalb glaube ich, ist das ein Schlüsselbegriff.

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Musiker in Zeiten von Corona

Ich bin Musiker.

Ich bin Pianist und ich bin arbeitslos, weil das Coronavirus verhindert, dass ich Konzerte geben kann.

Ich kann keine Konzerte geben, nicht hier in Deutschland und nirgendwo anders, weil die Grenzen geschlossen sind, weil die Behörden Veranstaltungen verboten haben, weil Konzertsäle, Opernhäuser, Theater, Musikschulen und -Hochschulen hermetisch geschlossen sind.

An all dem aber ist nichts falsches, denn: Ich bin gesund. 

Aber: Bin ich gesund? 

Ich könnte Corona in mir tragen, ohne es zu wissen, da ja viele die Infektion ganz ohne Symptome durchmachen. 

Ich könnte in die weiterhin geöffneten Cafés und Restaurants gehen, mich unter die Leute mischen, jetzt, da ich nicht weiss, wann ich meiner Arbeit wieder werde nachgehen können, da ich es mir mal erlauben könnte, etwas weniger diszipliniert zu leben. 

Aber ich tue es nicht. 

Weil ich immer versucht habe, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein (einmal, ein einziges Mal, habe ich mich aus falsch verstandenem Pflichtbewusstein nicht daran gehalten. Meine Kollegen haben den Moment bis heute nicht vergessen, in dem ich zu Anfang einer CD-Aufnahme bewusstlos vom Klavierstuhl gefallen bin – als ich wieder wach wurde, hatte einer meine Füsse in der Hand und ein anderer versuchte, mich wiederzubeleben!). 

Auch, weil meine Gesundheit immer ein kompliziertes Thema in meinem Leben war. Also bleibe ich zu Hause, versuche, sowenig Menschen wie möglich zu treffen und so wenig Risiken wie möglich einzugehen. 

Ja, es ist hart, sehr hart! 

Auch, weil ein freischaffender Musiker wie ich nicht wissen kann, wann er wieder Geld verdienen wird, denn die Kosten – Miete, Essen, Lebenshaltung, bei vielen auch: Kredite, laufen natürlich immer weiter.

Und ich bin ja nicht allein: Meine grossartige Frau (die, nebenbei gesagt, die viel bessere Musikerin von uns beiden ist, viel disziplinierter und strukturierter, als ich es je sein werde), die eine sehr aktive, aber eben auch freischaffende Harfenistin ist, ist in gleicher Weise beruflich stillgelegt wie ich es bin.

Aber es muss eben sein.

Es muss sein, weil wir alle eine Verantwortung tragen, für unsere Partner, unsere Familien, unsere Freunde und, nicht zuletzt, für das grosse Ganze, für die Menschen, die uns umgeben, die Alten und Schwachen, die durch Corona besonders gefährdet sind.

Und wir tragen auch die Verantwortung dafür, daraus zu lernen!

Wir tragen zukünftig die Verantwortung, unsere politisch Verantwortlichen daran zu erinnern, was damals war, im Frühjahr 2020, als sich herausstellte, dass ein Gesundheitssystem durch private Shareholder und deren Renditeerwartungen eben nicht gestärkt wird, dass es keinen Sinn macht, ein Pflegesystem personell auf Kante zu besetzen, weil Gesundheitsvorsorge und Pflege im Notfall nämlich die erste Verteidigungslinie gegen das Chaos sind!

Wir tragen – ist das wirklich nur meine Meinung? – die Verantwortung dafür, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, endlich mit den ewig gleichen Lippenbekenntnissen aufzuhören und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder in Anstand und Würde leben kann und auf niemandes Gnade angewiesen ist!

Nein, ich bin kein „linker“.

Ich bin übrigens auch kein „rechter“

Noch bin ich „konservativ“ und schon gar nicht rassistisch oder ausgrenzend. Jeder Mensch – welcher Orientierung, Hautfarbe, Herkunft er auch sein mag, ist mir recht solange er mit mir in gleicher Weise respektvoll umgeht, Auseinandersetzungen über unterschiedliche Meinungen natürlich immer gerne inbegriffen!

Aber ich sehe immer mehr Flaschensammler und Obdachlose (dies ist auch statistisch bestätigt), und das ist für mich als Mensch inakzeptabel.

Machen wir also alle das beste aus dem, was uns da gerade so durchschüttelt! 

Lasst uns nach unseren kreativen Kräften suchen und in den heimischen vier Wänden nach neuen Wegen des Umgangs miteinander suchen. 

Achtet auf euch und geht achtsam miteinander um – wir sollten alle die Krise nutzen, um vielleicht auch verschüttete Kommunikationswege und vergessene Freundschaften wiederzubeleben, das verdammte Handy kann tatsächlich neben Spielen und Navigation auch noch zum Telefonieren dienen! 

Ach ja: Bei all dem geht es nicht um mich als Person. 

Ich habe in meinem Leben mehr Schmerzen, mehr Trauer und, auch das, mehr Verzweiflung erlebt, als ich es meinem schlimmsten Feind wünschen würde. 

Ich bin nicht wichtig. Aber wir alle zusammen sind es!

Ich umarme euch alle aus der Ferne!

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Das iPad im Konzert

Viele Musiker sind inzwischen dabei zu beobachten: Sie spielen im Konzert vom iPad, seien es Yuja Wang oder Artur Pizarro, Paul Lewis, der Geiger Nicolas Dautricourt, die Trompeterin Tine Thing Helseth oder auch Musiker in verschiedenen Orchestern, wie den Bamberger Symphonikern oder dem Norwegischen Kammerorchester.

Ich selbst habe 2011 damit angefangen, inspiriert von dem damals noch jungen Programm ForScore auf dem iPad 2. 

Die Vorteile sind offensichtlich: Man hat immer alle Noten dabei. Alle. Es spielt einfach keine Rolle mehr, wieviele Noten man mitnehmen möchte – das iPad wiegt immer gleichbleibend 300 (iPad mini) – 723 (iPad Pro 12,9) Gramm.

Ausserdem sind die Noten immer perfekt beleuchtet, man kann sie vor weißem oder sepiafarbenem Hintergrund (wie bei etwas gealtertem Papier) oder auch invertiert (weiß auf schwarz) anzeigen lassen. Das mag sehr banal klingen, kann aber auf schlecht ausgeleuchteten Bühnen (und man sitzt als Pianist im Orchester oft am Rand) ein sehr entscheidender Faktor sein.

Umblättern ist einfach, falls man zu oft keine Hand frei hat kann man auf Bluetooth-Pedale, z.B. von Pageflip, iRig oder Donner zurückgreifen.

Eintragungen nimmt man einfach mit dem Stylus vor, der zwar auch wieder Geld kostet (99 bzw. 135 €), mir jedoch Inzwischen unverzichtbar erscheint.

Auch auf die Probleme, die man vorher nicht hatte möchte ich eingehen:

Das Umblättern per Bluetooth-Pedal will erlernt und in einen automatischen Ablauf eingebunden werden. Ich persönlich benutze das Pedal nur, wenn es unbedingt nötig ist und blättere sonst von Hand um – was auch geübt sein will, mehr als einmal habe ich anfangs ein Gerät mit dem über Jahrzehnte erlernten Reflex vom Pult gefegt!

Wenn man dann allerdings, wie es mir hin und wieder passiert, anfängt, in gedruckten Noten zwei Finger aufzulegen und auseinanderzuziehen, um eine Stelle zu vergrössern (sic!), weiss man, dass man sich an die neue Technik gewöhnt hat.

Auch die Suche nach der perfekten Position kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich habe mit verschiedenen Halterungen, Kissen, mit einem zusammengerollten T-Shirt und, auch das, mit einem gerollten schwarzen Handtuch (derzeit meine erste Wahl) als Unterlage experimentiert.

Im Studio des SWR Kaiserslautern – zwei Pianisten mit insgesamt drei iPads bei der CD-Aufnahme

Natürlich kann man auch das herkömmliche Notenpult nutzen, was am Flügel allerdings nicht sehr vorteilhaft aussieht. Am Cembalo oder der Truhenorgel verwende ich aber immer einen Notenband oder eine Mappe – der optische Stilbruch ist sonst einfach zu groß.

Die großartige Pianistin Simone Dinnerstein (hören Sie ihre himmlischen Goldberg-Variationen!) hat ein wunderbares Stativ für den Flügel, von ihrem Mann entworfen und gebaut – ich persönlich würde es allerdings spätestens am dritten Abend irgendwo vergessen….

Es braucht eine gewisse Disziplin, immer daran zu denken, das Gerät rechtzeitig aufzuladen. Eine kleine Tragetasche (gibt es billig in unendlich vielen Variationen), in der noch Platz für ein zweites Ladegerät ist, beruhigt die Nerven ungemein, ebenso wie eine Powerbank, sofern man daran gedacht hat, diese zu laden, natürlich! Auf unserem Küchentisch liegt ein Ladegerät mit 5 Ports an dem alle möglichen Geräte laden, keine sehr familienfreundliche Lösung, aber sehr, sehr beruhigend.

Am Cembalo…

Software – mit welchem Programm stelle ich Noten auf dem iPad dar?

Forscore war anfangs der Platzhirsch, neben einigen, einfachen Ansprüchen genügenden Gratisprogrammen.

Newzik ist das jüngere Programm, hat aber mittlerweile eine eindrucksvolle Entwicklung genommen und ist das Programm meiner Wahl geworden, schnell, unkompliziert und in ständiger Weiterentwicklung begriffen.

Newzik bietet umfangreiche Anpassungsmöglichkeiten, ist hervorragend an den Apple Pencil und die iPads angepasst. Updates und Funktionserweiterungen folgen dicht aufeinander, wohl auch Weil das iPad auf dem Notenpult immer alltäglicher wird und die Programmierer immer mehr Rückmeldung bekommen

Ein großer Durchbruch, wie ich finde, ist Newzik dadurch gelungen, die Verlage ins Boot zu holen. Wenn ich zB bei der Universal-Edition auf deren Portal für elektronische Noten „UE-Now“ (www.universaledition.com/ue-now) einkaufe, wird mir anschließend angeboten, die entsprechenden Noten direkt in Newzik zu laden.

Der ganze Vorgang ist noch nicht ganz ausgereift (ich würde mir zB bei allen Werken Vorschauen wünschen), aber in Zeiten, in denen immer mehr Notenhändler ihre Pforten schließen, ist das ein sehr positives Signal, dem sich hoffentlich bald die anderen Verlage anschließen! Der Schott-Verlag sei hier als ein Vorreiter genannt, denn schon seit einiger Zeit kann man dort viele Neuerscheinungen elektronisch kaufen und dann in Newzik laden.

Im Probespiel unverzichtbar – nie mehr Probleme mit Kandidaten, die ihre Klavierstimmen vergessen haben!

Übrigens gibt es Newzik mittlerweile auch für das iPhone, im Landscape-Modus (also bei quer gehaltenem Gerät) ist das viel mehr als eine reine Notlösung. Hier schlägt natürlich die grosse Stunde des iPad Pro 12,9, auf dem man im Querformat noch zwei Seiten nebeneinander gut lesen kann 

Als besonderes Zuckerstück sei die Newzik-eigene Cloud erwähnt, die alle Werke der eigenen Bibliothek enthält und diese – sowie die darin vorgenommenen Einzeichungen! – über mehrere Geräte hinweg synchronisiert. Wenn ich also mein Gerät verliere, vergesse oder zerstöre, kann ich meine Noten jederzeit auf ein neues oder auch nur geliehenes Gerät synchronisieren, da die Newzik-ID nicht identisch ist mit der Apple-ID, ich also auch meine Newzik-Umgebung auf einem fremden Gerät einrichten kann. Für mich, der nach 36 Jahren mit Computern den Satz: „Es gibt nichts besseres als ein Backup, ausser einem Reserve-Backup!“ verinnerlicht hat, sehr, sehr beruhigend zu wissen…..

Die Henle-App ist in erster Linie ein elektronisches Frontend für den hauseigenen Store und auf die Noten des Henle-Verlags beschränkt. Ich persönlich kämpfe immer aufs neue mit den Begrenzungen des Annotationswerkzeugs, die direkt bedingt sind durch die Möglichkeiten der App, das gesamte Notenlayout zu ändern. Der stetig wachsende Store, in dem man inzwischen große Teile des Henle-Katalogs erstehen kann, ist aber natürlich ein Highlight!

nkoda ist so etwas wie Spotify für Noten – man kann sich für 10€ im Monat Noten aller in der App vertretenen Verlage – und das sind viele! – ansehen, allerdings nur das. Ausdrucken oder mit Hilfe der App kaufen ist aber nicht möglich.

Seit einiger Zeit gibt es ein neues Gerät namens Gvido (https://www.gvido.tokyo) auf dem Markt, das im wesentlichen aus zwei verbundenen E-Book-Displays in A4-Größe besteht – und nochmals deutlich teurer ist (Stand 01.04.2019: 1.700€, Pedal 300€, Tasche 300€). 

Dieses Gerät ist in Relation zu seiner Größe unglaublich leicht, hat allerdings enge Grenzen, da es im Grunde nur ein riesiger ebook-Reader ist: Das Umblättern ist langsamer und es gibt keine Hintergrundbeleuchtung.

Gerade diese ist aber ein gewaltiger Vorteil des iPads: Die Noten sind immer perfekt beleuchtet und zeigen dadurch immer einen perfekten Kontrast. Für ältere Augen (Zitat meiner sehr jungen Optikerin: „Ja, bei einem Mann in Ihrem Alter…“) ist das ein echter, nicht zu unterschätzender Vorteil!

Eine Bemerkung zum Pencil: Auch wenn dieser in seiner 2.Generation nochmals teurer geworden ist, die Anschaffung lohnt sich! Man kann zwar Fingersätze und Eintragungen aller Art auch mit dem Finger vornehmen, aber mit dem Pencil geht es doch um ein vielfaches schneller und präziser. Ein Blick auf die Möglichkeiten, die Newzik dafür bietet – Strichstärke, Farbe, Deckungsgrad, breiter transparenter Marker – lohnt sich sehr, amüsant finde ich immer wieder den elektronischen Radiergummi. 

Pina-Bausch-Theater, Essen

Einige Gedanken möchte ich der Verwendung im Orchester zukommen lassen, dies jedoch im voraus: Es sollte meiner Meinung nach jedem Musiker überlassen werden, ob er vom iPad spielen will oder nicht.

Nicht nur der Aspekt der Anschaffungskosten für ein Gerät, das recht schnell veraltet und nur zur Verwendung als Notenersatz einfach zu teuer ist, sollte nicht ausser Acht gelassen werden.

Auch können grosse Schwierigkeiten auftreten, wenn ein wenig technikaffiner Kollege ein Gerät einfach vorgesetzt bekommt. Wie verhalte ich mich, wenn plötzlich das Licht ausgeht (was man in den Einstellungen unterbinden kann, aber wo sind die Einstellungen..)? Was mache ich, wenn es mit dem Umblättern nicht klappt? Wie verändere ich die Helligkeit und warum sehe ich plötzlich „Kevin allein zu Haus“?

Wer das Gerät also nicht ohnehin im Alltag ständig benutzt, sollte sich der Fussangeln der mangelnden Vertrautheit gewahr sein – auch wenn das Betriebssystem dem des iPhones sehr ähnlich ist, die verwendeten Apps sind eben doch anders und spielen nach ihren eigenen Regeln! 

Auch der Aspekt der Größe spielt, gerade mit zunehmendem Alter, eine wichtige Rolle: Während Tine Thing Helseth mit ihrem kleinen iPad offenbar wunderbar zurechtkommt, ist für einen Weitsichtigen wie mich das 12,9 Zoll-Modell trotz Brille gerade eben ausreichend – der Preis dafür ist allerdings weit mehr als nur ausreichend…… 

Auch das kommt vor: Das iPad als Equalizer, um ein klanglich indiskutables Einspielband erträglich zu machen – auch das kann zu den Aufgaben eines Pianisten gehören!

Ein sehr wichtiger Punkt: Die Qualität der gescannten Noten. Auch der beste Bildschirm kann aus einem kontrastarmen, unscharfen Scan nichts herauszaubern. Die nötige Sorgfalt bei der Erstellung gut lesbarer und auf den Bildschirm zugeschnittener pdfs kostet Zeit – Zeit, die man nur durch gute Lesbarkeit entlohnt bekommt und die bei Verwendung gedruckter (natürlich sollte man immer das Original besitzen, meine Bibliothek bedeckt eine ganze Zimmerwand…) oder als Download gekaufter Noten gar nicht erst anfällt.

Auf den Notenbibliothekar sollte man diese Aufgabe nicht abwälzen. Sie ist zeitaufwendig und undankbar, da mancher vielleicht gerne breite Ränder hat, ein anderer wiederum am liebsten gar keine, ausserdem muss eine elektronische Stimme immer auch noch nachkontrolliert werden, z.B auf Vollständigkeit der Seiten – der Fehlerquellen sind da viele!

Doch sollte sich niemand entmutigen lassen! Ich persönlich kann mir das Musikerdasein ohne iPad schon gar nicht mehr vorstellen – und zum Notenschleppen früherer Tage will ich definitiv nicht mehr zurück! Es lohnt sich also wirklich, sich mit den entsprechenden technischen Grundlagen vertraut zu machen.

Welches Gerät ist das beste?

Ich bin seit 1983 (der gute, alte Apple II…) Apple-Nutzer, Ich beschäftige mich immer wieder auch mit Android-Geräten Erfahrungen gesammelt, möchte mich hier aber auf das iPad beschränken, da die entsprechenden Apps zur Zeit nur unter iOS/iPadOS laufen.

Die Geräte ohne Retina-Display – das Ur-iPad, das iPad 2, sowie das erste iPad Mini – machen keinen rechten Sinn: Die Bildschirmauflösung ist einfach zu gering und die Geräte zu langsam. Ausserdem sind sie heute (November 2019) auch schon älter als 6 Jahre.

Alle anderen Geräte sind grundsätzlich tauglich. 

Hier ist der Vorteil des beleuchteten Bildschirms wohl evident.

Man sollte sich zunächst über die bevorzugte Größe im klaren werden. Am besten, man geht mit der Brille bzw. den Kontaklinsen die man auf der Bühne trägt zum Händler und probiert das Gerät mit einer für das jeweilige Instrument realistischen Leseentfernung aus. 

Das iPad mini (7,9 Zoll) gibt es mit 64 oder 256 GB, beginnend bei 449€.

In der mittleren Größe (10,2 Zoll) gilt es, sich zwischen 32 und 128 GB zu entscheiden – wer keine Filme und nur wenig Musik mitnehmen will, kommt mit der kleinen Größe (UVP 379€) wunderbar zurecht, für Noten ist allemal genug Platz, meine derzeitige Newzik Bibliothek umfasst über 700 Werke und nimmt knapp 7 GB in Anspruch.

Alle aktuellen iPads sind Pencil-fähig, allerdings gibt es zwei verschiedene Versionen des Pencils, wer sich nicht sicher ist geht am besten mit dem Gerät zum Fachhändler seines Vertrauens.

Das iPad Pro ist nochmals größer (11 oder 12,9 Zoll) und bietet einen nochmals verbesserten Bildschirm, allerdings auch zu Preisen ab ca.900 €.

Ich persönlich verwende das neue iPad Pro 12,9, für mich ist das Gerät aber auch Laptop- und Büro-Ersatz. Meine Musiksammlung, Filme und Serien, die tägliche Korrespondenz, meine Texte und vieles mehr begleiten mich darauf überall hin – auch dieser Text entsteht darauf.

 Es ist mit etwas Einarbeitung durchaus möglich, mit dem iPad den Laptop zu ersetzen, ich habe zuhause nur noch einen kleinen Mac Mini im Regal stehen und vermisse nichts.

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„…steht doch alles schon drin!“

„…steht doch alles schon drin!“

Zum Tod von Siegfried Köhler

Er war eine dieser Persönlichkeiten, die zum Kulturleben in Deutschland dazugehörten wie die Noten zur Musik: Das Ehrenmitglied des VDH Siegfried Köhler.

Geboren am 30.Juli 1923 in Freiburg im Breisgau, gehörte er noch jener Dirigentengeneration an, die ihr Handwerk von der Pike auf lernte, wenn auch mit einem ganz besonderen instrumentalen Akzent denn anders als die meisten Dirigenten kam er nicht etwa vom Klavier sondern studierte an der Musikhochschule Freiburg – Harfe!

An der dortigen Oper war er denn auch bald regelmässig als Aushilfe im Orchestergraben zu erleben, bevor er 1941 als Harfenist und Solorepetitor ans Theater Heilbronn ging.

Doch auch an ihm ging der Krieg nicht vorüber, und so tauschte er den Frack 1942 für drei Jahre gegen die Soldatenuniform ein.

Aus dem Krieg zurückgekehrt entschied sich Siegfried Köhler für die Dirigentenlaufbahn, wurde 1946 Kapellmeister und 1952 erster Kapellmeister in Freiburg.

1954 verliess er seine Heimat, um als Kapellmeister zunächst nach Düsseldorf, 1957 dann nach Köln zu wechseln.

Ab 1962 war er dort als stellvertretender GMD bereits im Interim Leiter des Hauses, bevor er 1964 als GMD an das Staatstheater Saarbrücken ging, wo er auch als Professor Leiter der Dirigierklasse an der Hochschule des Saarlands wurde.

1974 wurde Siegfried Köhler dann Generalmusikdirektor des Hessischen Staatstheaters Wiebaden, dessen musikalischer Leiter er für 14 Jahre werden sollte: Die Verbindung Wiesbaden – Köhler wurde nicht nur in Insiderkreisen zu einem Synonym und bis heute hört man noch in Musikergesprächen Sätze wie „Wer ist eigentlich grad dort Chef?“ – „Jetzt? Na, früher war Siggi Köhler da…..“!

1992 dann, in einem Alter in dem moderne Dirigenten oft schon kürzer treten und sich eigentlich gar nicht mehr fest binden wurde Siegfried Köhler Königlicher Hofkapellmeister an der Oper in Stockholm. Für dreizehn Jahre wurde er dort zu einem Garant für grosse Opernabende bevor er, nun doch etwas kürzer tretend, bis in hohe Alter als reisender Gastdirigent tätig war.

Legende wurden seine Einspringer, in denen er seine ganze Routine und sein Können mit Spontaneität verband, etwa in Nizza, wo er 20 Minuten vor Beginn einer „Walküre“ eintraf und Orchester und Ensemble zu einem unvergessenen Abend mitriss.

Ich hatte das grosse Glück, Siegfried Köhler etwa ab dem Jahr 1990, selbst in der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz als Pianist sitzend, erleben zu dürfen. Hier war eine Mischung aus Musikantentum und völlig souveränem Dirigieren zu erleben die, wie ich mit den Jahren lernte, keineswegs selbverständlich war und ist. 

Ohne jegliche Allüren seinerseits – den „Professor“ verbat er sich fast, nannte ihn überhaupt ausserhalb der Probe jemand (in allem Respekt, wohlgemerkt!) anders als „Siggi“? –  ging es nur um das Werk und seine bestmögliche Umsetzung.

Manchmal war durchaus seine Ungeduld zu spüren, wenn er ein Werk dass er aus vollem Herzen dirigierte dem Orchester erst geduldig erklären musste. Wurde es dann in der Probe unruhig hob er dann doch seine Stimme und nie werde ich das Gesicht eines im Dienst schon ergrauten Stimmführers vergessen, der plötzlich ein „Kinder! KINDER! Jetzt seid mal nicht so ALBERN!“ zu hören bekam!

Ihm fiel es natürlich leichter als uns, sein berühmtes „steht doch schon alles in den Noten….!“ Und sein ebenso klassisches „leicht, Kinder, alles ganz leicht…“ sind bis heute lebende Erinnerungen an ihn.

Doch wenn dann das Konzert anstand, konnte man erleben was hingebungsvolles Musikmachen bedeutet: Mit leuchtenden Augen stand dann ein Dirigent vor dem Orchester der mit so hingebungsvollem Schwung Wagner, Brahms oder auch seine eigenen Werke („ich hab da was geschrieben…“) zelebrierte, dass man sich nach dem Konzert sofort fragte, wann „Siggi“ denn nun wiederkäme.

Wirklich unvergesslich eine konzertante „Elektra“ die der 80-jährige, nach einer etwas mühsamen Probenphase im Konzert, das Orchester und das Publikum einfach mitreissend buchstäblich bis zur Weissglut steigerte.

Als Komponist neigte Siegfried Köhler eher der leichten Muse zu, komponierte einige Musicals und Orchesterwerke (…kann es denn wirklich einen schöneren Musical-Titel geben als „Sabine, sei sittsam“?), leider nur wenige Werke für Harfe – die „Humoreske“ ist über den VDH zu beziehen.

Sehr lesenswert ist seine, zur Zeit leider offenbar vergriffene Autobiographie „Alles Kapriolen“, in der er auf seine ganz persönliche, niemals prätentiöse Art aus seinem Leben berichtet.

Siegfried Köhler verstarb 94-jährig in Wiesbaden, ein Jahr nach seiner Frau. Er wird der Musik und den Musikern sehr fehlen.

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Warum Schubert?

Warum Schubert?

(Ausschnitte aus einem Gespräch mit dem amerikanischen Musikjournalisten David Richards im Januar 2018)

DR: Kai Adomeit, warum Schubert? Warum alles? Und warum auch noch alles 4-händige?

KA: Das ist eine merkwürdige Frage, warum denn nicht? Könnte es etwas wichtigeres geben als Schubert?

DR: Nun, die Zeit der zyklischen Aufführungen scheint doch vergangen zu sein, wenn man mal Andras Schiff und seine Beethoven-Sonaten beiseite lässt.

KA: Ach, wissen Sie, ich habe mich immer schon nicht sehr dafür interessiert, was „man“ macht. Ich spiele Musik ja nicht um des eigenen Vergnügens willen (wenngleich das natürlich auch eine – kleine! – Rolle spielt), sondern weil ich den inneren Drang spüre, mich mit bestimmten Werken und Komponisten auseinanderzusetzen.

Schubert war eine logische Fortführung von Haydn und Beethoven…

DR: …die sie auch vollständig aufgeführt haben, aber fehlt in der Reihe nicht Mozart?

KA: Nun, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben! Mozart wird bestimmt noch kommen! Aber es ist tatsächlich so, dass der Haydn-Zyklus damals, 2010, aus einer tiefen inneren Krise heraus entstanden ist, in einer Zeit, in der ich alles, was ich bis dahin gemacht hatte in Frage stellte und in der mir sehr unerwartet der Beethoven-Zyklus angetragen wurde. 

Ich habe mich damals sehr lange mit dem Gedanken beschäftigt und festgestellt, dass das was ich wirklich machen wollte….Haydn war!

DR: Das erstaunt mich etwas, aus den USA habe ich Sie eher als Pianisten für die romantische Virtuosenmusik in Erinnerung: Liszt, Rachmaninov, Chopin, Godowsky…

KA: Völlig richtig! Nun ist es zum einen so, dass es den Veranstaltern wichtig ist, dem Publikum ein „attraktives“ Programm zu bieten – und dazu gehören eben auch Werke wie die Tannhäuser-Ouverture in der Liszt-Bearbeitung.

Zum anderen war ich damals viel jünger – damals konnte ich mir ein reines Haydn-Programm nicht einmal vorstellen!

Wenn man jung ist, will man wohl immer etwas beweisen auf dem Instrument.

DR: Wie kann man sich, um den Titel aufzugreifen, den pianistischen Unterschied, etwa zwischen der Tannhäuser-Ouverture und einer Haydn- oder Schubert-Sonate vorstellen?

KA: Weniger Noten – aber keineswegs leichter! Bei Liszt kann ihnen auch einmal ein Lauf verrutschen ohne dass das groß auffällt. Bei einer Haydn-Sonate hört jeder, wenn ein Dreiklang verrutscht!

DR: Und dann das grösste Extrem, Schubert?

KA: Zu Schubert bin ich im Grunde gekommen, wie die Jungfrau zum Kind: Natürlich hatte Schubert schon sehr lange eine wichtige Rolle für mich gespielt. 

Wie Sie ja wissen, habe ich bei einem großen Schubert-Exegeten, Paul Dan, studiert. Doch habe ich selbst bis zu meinem 45.Geburtstag nur die kleine A-Dur Sonate (D 664) öffentlich aufgeführt….

DR: ….Sie haben nicht wenigstens eine der späten Sonaten studiert? 

KA: Gehört, natürlich, gelesen, sehr oft! Aber mein Lehrer hatte mich bei seinem letzten Klavierabend (bevor er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auftreten konnte) mit der großen B-Dur Sonate (D 960) so erschüttert, mich mit einer wirklich vollkommenen Interpretation derart buchstäblich aus der Bahn geworfen, dass ich mich zwar immer wieder intensiv mit Schubert beschäftigt habe, aber nie den Mut hatte damit auf die Bühne zu gehen – ich fühlte mich dem einfach nicht gewachsen.

DR: Nicht einmal die so populären, eher einfachen Impromptus oder Moments musicaux? Ich habe doch einmal das Moment musical in f-moll von Ihnen….

KA: ….als Zugabe gehört, richtig! Aber das waren Ausnahmen. Gerade die vermeintlich so einfachen Impromptus sind ja Werke voll innerer Dramen, die sich trotzdem innerhalb eines strengen formalen Rahmens bewegen. Natürlich ist es einfach, den reinen Notentext zu spielen, aber das was hinter den Noten stattfindet braucht eben Zeit.

DR: Die jetzt gekommen ist?

KA: Ja! Zumal ich ja nicht in einem Moment damit beginne, in dem Schuberts Klavierwerk an jeder Ecke zu hören wäre. Die zentralen Werke werden natürlich und Gott sei Dank immer wieder im Konzert aufgeführt. Aber wann hört man schon die frühen Sonate, die Fragmente, die Fantasien ausser der Wanderer-Fantasie….

DR: …es gibt noch mehr?

KA: Aber sicher, die sogenannte „Grazer Fantasie“ D 605a und ein ganz frühes Werk, D2E, Schuberts erstes zweihändiges Klavierwerk überhaupt!

DR: Ist ihr „ganzer Schubert“ denn wirklich der ganze Schubert?

KA: Ich gestehe: Nein! Schubert hat eine Unmenge an Tänzen hinterlassen, Walzer, Ländler und sonstige Modetänze der damaligen Zeit. Das meiste davon ist wirklich schöne Musik, im ganzen gespielt aber doch sehr ermüdend und wohl auch nie für den Konzertsaal sondern eher für die Tanzfläche gedacht

DR: Nicht einmal als Aufnahme?

KA: Ich bewundere Michael Endres und Michel Dalberto grenzenlos dafür, dass sie sich in diese Musik so hineinversetzt haben, aber es genügt mir, zumindest vorerst, diese Stücke für mich allein zu genießen.

DR: Also spielen Sie sie schon?

KA: Ich spiele jede gute Musik! Warten wir doch einfach ab, vielleicht wache ich irgendwann auf und spüre, dass ich alle Schubert-Tänze spielen muss! Ich sage niemals nie…

DR: …….ausser zu Busoni?..

KA: …weil ich manche Werke nicht greifen kann, ja. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

DR: Aber sonst alle Originalwerke?

KA: Ja. Wobei „Original“ ein schönes Stichwort ist. Natürlich liebe ich die Lisztschen Liedbearbeitungen der Schubert-Lieder, aber meine grösste Schwäche gilt einer völlig vergessenen Bearbeitung, nämlich der 5.Symphonie in B-Dur in der Klavierfassung von Jan Brandts-Buys.

DR: Zu 4 Händen?

KA: Nein, nein, für 2 Hände! Natürlich bekommt man den luziden Klang des Schubertschen Orchesters so nicht hin, aber es macht einfach Spass, dass zu spielen! Doch zum Original zurück: Alles außer den Tänzen, also die Fantasien, die Variationen, die Impromptus, die Moments musicaux und die Sonaten….

DR: …..wie führen Sie eigentlich die Sonaten auf? Welche Vervollständigungen der Fragmente spielen Sie?

KA: Das war für mich lange eine spannende Frage. Inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem ich sage: Ich spiele nur das, was zweifelsfrei von Schubert selbst stammt. Wenn zum Beispiel nur analog zu vorhergehenden Stellen Begleitfiguren zu einer von Schubert selbst niedergeschriebenen Melodie zu vervollständigen sind wie zB im letzten Satz der Sonate f-moll (D 625), wenn also der Herausgeber nur reine Schreibarbeit nachgetragen hat spiele ich das natürlich. 

Ich bewundere auch zB sehr die Vervollständigung der „Reliquie“-Sonate (D 840) durch Ernst Krenek, habe aber immer wieder das Gefühl, dass Schubert hier genau wusste, warum er die Sonate letzlich aufgab. 

Etwas anders liegt der Fall im ersten Satz der schon erwähnten f-moll Sonate. Hier höre ich an der Stelle auf, an der Schubert aufhörte zu komponieren. Die Ergänzung des Satzes durch Paul Badura-Skoda ist zwar faszinierend, aber mir persönlich fehlt hier einfach etwas. Hat Schubert nicht vielleicht doch eine eine weiter gefasste Durchführung, wie er sie etwa in der letzten Sonate (D 960)  komponierte im Sinn gehabt, um sehr viel später in eine echte Reprise in der Ausgangstonart zurückzukehren? 

Das ist aber eine rein subjektive Entscheidung, ich masse mir nicht an im Besitz einer Antwort auf eine Frage zu sein, die nur Schubert selbst hätte beantworten können.

DR: Diese Probleme spielen bei den 4-händigen Werken aber eher eine untergeordnete Rolle?

KA: Gar keine. Die Werke zu 4 Händen sind musikwissenschaftlich unproblematisch.

Ist bei den Klaviersonaten in einigen Fällen nicht einmal völlig klar, welche Sätze zusammengehören, sind die wenigen Textprobleme der 4-händigen Werke einfach zu lösen. Der Anmerkungsapparat der modernen Urtextausgaben ist da natürlich auch sehr hilfreich.

DR: Ich würde gerne noch einmal auf meine Frage zurück kommen: Warum? Die 2-händigen Werke sind doch schon recht umfangreich…

KA: Tatsächlich sind die 4-händigen Werke noch umfangreicher, wenn man die reine Spielzeit betrachtet. Statt acht, wie bei den Solowerken, werden es nach dem derzeitigen Stand der Planung wohl neun 4-händige Abende werden.

DR: Ja, aber…

KA: Ich weiss schon: Warum denn alles? Zum wiederholten Mal: Warum nicht? 

Wissen Sie, Sie sind ja nicht der erste, der diese Frage stellt. Ich halte es aber für wichtig, dass es die Chance gibt, auch die weniger gespielten Werke eines Komponisten im Konzert zu hören! Werke wie die f-moll Fantasie, den berühmten Militärmarsch in D-Dur oder „Lebensstürme“ werden Sie mit Sicherheit auch in anderen Konzerten hören. Aber der Rest? 

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal das “Grand Divertissement hongrois“ (D 813)  auf einem Konzertprogramm gesehen habe, aber es ist definitiv schon eine Weile her – und ich will ja auch nicht jedesmal 300 km fahren! Sicher, Sie können sich jedes Werk über Apple Music oder Spotify anhören, aber „live“ ist doch etwas ganz anderes!

DR: Ihre Partnerin in den 4-händigen Werken ist eine Studienkollegin….

KA: Fast! Asli Kilic hat beim selben Lehrer studiert – aber einige Jahre später! 

Es war eine schöne Überraschung, dass sie sich auf ein solches Monsterprojekt eingelassen hat, schliesslich ist sie eine vielbeschäftigte Pädagogin und Pianistin und all diese Stücke wollen ja nicht nur geübt, sondern auch zusammen geprobt werden! 

DR: Haben Sie schon länger als Duo gespielt?

KA: Nein, wir hatten uns im Gegenteil für einige Jahre etwas aus den Augen verloren bevor ich sie in einem Konzert fragte, ob sie nicht Lust auf die 4-händige Beethoven-Sonate (Op.6) hätte, mit der ich meinen Beethoven-Zyklus vervollständigen konnte.

DR: Spielen Sie denn mit einer festen Stimmverteilung?

KA: Nein, ich wollte mich von Anfang an in primo und secondo abwechseln. Bisher bekommen wir das auch ohne Probleme hin, es ist uns, glaube ich, eher unwichtig wer oben und unten spielt.

Die Musik gibt das auch gar nicht her. Es gibt wohl keine uneitlere Musik als die von Franz Schubert!

DR: Sie werden also Schubert mit ihr weiterführen?

KA: Ich hoffe es doch sehr!

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Mein Lehrer Paul Dan

Heute achtunddreißig Jahr – Mein Lehrer Paul Dan

Laudatio zur Verabschiedung von Prof.Paul Dan an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mannheim am 15.10.2018

Als mir mein Lehrer und Freund Paul Dan den Auftrag zu dieser Laudatio antrug, war mir dies große Freude – und als ich so meine Gedanken zu sortieren begann, wurde mir klar, wie lange all das schon zurückreicht, wie unglaublich lange er mich stets in meinen Gedanken begleitet.

Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich im folgenden sehr subjektiv werde – ich bin so, ich kann nicht anders!

Und das Lügen habe ich leider – oder Gott sei Dank? – nie gelernt….

Zunächst einige biographische Daten:

Paul Dan, Jahrgang 1944 war Schüler von Joseph Willer, Ella Philip, Georg Halmos und Florica Musicescu, der Lehrerin von Dinu Lipatti und Radu Lupu und studierte in Klausenburg und Bukarest. 1968 gewann er den Förderpreis des Bach-Wettbewerbs in Leipzig und konnte seine Ausbildung bei Hugo Steurer in München fortsetzen, die er mit Auszeichnung abschloss. Seit 1973 war er Gastprofessor in Tokio, seit 1978 ist er Professor für Klavier und Kammermusik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim – also seit nunmehr 40 Jahren.

Als Solist trat er unter anderem mit den Wiener Symphonikern, den New Japan Philharmonics, dem Tokyo Symphony Orchestra und dem Tokyo Metropolitan Orchestra auf. Daneben bildete die Kammermusik einen Schwerpunkt seiner Aktivitäten. 

1996 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Konzertleben zurück und wirkt seitdem ausschließlich als Lehrer, worauf ich zunächst eingehen möchte

Beginnen möchte ich mit zwei Zitaten einer seiner Schülerinnen, meiner hochgeschätzten Kollegin Friederike Bischoff, die heute an der Hochschule in Tromsö/Norwegen lehrt:

„Man kann diese Stelle stundenlang, tagelang üben und es ist trotzdem Zufall ,ob sie klappt – oder man lässt diese verdoppelte Oktave weg und kann sie sofort sauber spielen – das musst Du jetzt selbst entscheiden!“

und:

„Inspirierend, offen und niemals Grenzen setzend.“

Wissen Sie, es gibt im Grundsatz zwei Sorten von Lehrern: Jene, deren Schüler blind jeden Ratschlag befolgen, geradezu abhängig werden von ihnen um dann nach Abschluss des Studiums oft in ein tiefes Loch zu fallen, weil ihnen plötzlich das stützende Gerüst fehlt. 

Einer dieser Lehrer, eine damals sehr berühmte pädagogische Koryphäe, hat mir übrigens kurz vor dem Studium bescheinigt, ich sei gleichermaßen vollkommen unbegabt als Pianist wie als Musiker – horribile dictu!

Und dann gibt es jene, die ihre Schüler inspirieren, ihren eigenen Weg zu suchen, sich von Anfang an auf eigene Füße zu stellen und nicht nur die eigene Leistung, sondern auch die ihres Lehrers kritisch zu hinterfragen – keineswegs der bequemere Weg und zwar für beide Seiten!

Aber, auf lange Frist gesehen der einzige Weg, der dem Schüler wirklich den Weg nicht nur durch den Beruf, sondern auch durch das Leben weist, bei dem der Lehrer sich nicht durch den Schüler definiert, sondern sich diesen seinen eigenen Weg suchen lässt – auch mit allen in dem Moment nötigen Irrwegen und durch alle Dickichte hindurch!

Selbst wenn der Schüler das Gefühl hat, sich eine neue Inspiration suchen zu müssen, nach neuen Ideen aus einer Sackgasse suchen zu müssen, in die er sich vielleicht auch aus eigener Blindheit – das Brett vor dem eigenen Kopf ist einem ja bekanntlich immer am nächsten – verrannt hat, sollte der Lehrer trotzdem aus einer gewissen Distanz immer zugewandt bleiben, auch der Lehrerwechsel könnte ja ein Irrweg gewesen sein, wir reden hier ja nicht von Ehebruch, auch wenn manche diesen anscheinend als weniger schlimm als einen Lehrerwechsel wahrnehmen….

Eine für ihn sehr bezeichnende Episode ist diese: Als er einmal ein Repertoiresemester nahm, holte er als seinen Vertreter nicht etwa einen Freund oder jemanden, der für ihn von Vorteil sein könnte sondern: Michael Ponti. 

Der amerikanische Pianist, damals immer noch auf der Höhe seiner Berühmtheit, fiel in die Klasse ein wie ein Wirbelwind! Das klangliche Spektrum wurde noch einmal erweitert, bis hin zu dem berühmt gewordenen, mit unnachahmlichem Louis Armstrong-Reibeisen untermalten „Hier, diese Melodie in der Mittelstimme, die müssen Sie ballern, mit dem Daumen, sonst hört man das nicht!“

Ein großes Erlebnis, unverzichtbar und unvergessen!

Es sei nur am Rand angemerkt: Es war eine vollkommen andere Hochschule als heute, es gab etwa halb soviel Studenten – aber neun Klavierprofessoren! Der Umgangston war ein ganz anderer, der Kontakt untereinander auch – es wäre undenkbar gewesen, nicht in den Klassenabend der Studienkollegen zu gehen…tempi passati, leider, denn früher war zwar nicht alles besser – aber vieles war gut!

Ich gestehe es hier offen ein: In meiner ungewöhnlich langen Zeit mit Paul Dan – mit der bereits angeführten Unterbrechung waren es insgesamt dreizehn Jahre! – habe ich nicht alles gleich verstanden, habe viele Anregungen in dem Moment nicht einmal als solche wahrgenommen, habe ihn gewiss auch des öfteren durch mein Unverständnis verletzt.

Zum Teil spielte hier sicherlich meine Jugend eine Rolle: Kierkegaards „Don Juan als philosophisches Paradigma“ und Alice Millers „der gemiedene Schlüssel“ waren Literaturempfehlungen, bei denen er gewiß für einen kurzen Moment vergaß, daß ich erst vierzehn Jahre alt war. Doch mit welchem Genuss, mit welcher Begeisterung habe ich diese Lektüre sehr viel später verstehen können!

Paul Dans Unterricht fand keineswegs immer am Instrument statt: Wie oft habe ich mit ihm im Café um die Ecke gesessen und wie unendlich viel habe ich dabei gelernt, über den Klang am Klavier – ein zentraler Punkt seines Unterrichts, der Dirigent, der mir einmal bescheinigte, bei mir klinge das Instrument immer ein wenig besoffen weiß bis heute nicht, welch großes Kompliment er mir gemacht hat – , über Werke, über Sekundärliteratur, über das Leben mit der Musik und den Beruf des Musikers. Ich  könnte heute mit Sicherheit niemals Vorlesungen über Literaturkunde halten, hätte, um nur ein Beispiel unter sehr(!) vielen zu nennen, wohl nie das Klavierkonzert von Arnold Schönberg gelernt, hätte mich Paul Dan nicht zu immer neuer Neugier angestiftet.

Doch auch von seiner Geduld, seinem Langmut gegenüber einem schwierigen, leicht autistischen Kind aus einer komplizierten Musikerfamilie soll hier berichtet werden. Mit 15 verschwand ich einmal ohne größere Erklärungen seitens meiner Eltern für drei Monate – in der ersten Stunde danach war er unverändert wie eh und je.

In meinem zweiten Studienjahr packte mich plötzlich das Fernweh und ich ging zum Studium nach München, noch dazu bei einem seiner ehemaligen Studienkollegen (wie hieß er noch mal?) – er fand die Idee großartig!

Nach zwei, sehr diplomatisch ausgedrückt, unglücklich verlaufenen Jahren fragte ich ihn vor Angst schlotternd, ob er noch einen Studienplatz für einen verunglückten Rückkehrer frei hätte – er zögerte keinen Moment!

Nur dass ich den Spaß am Klavierspielen, am Musikmachen überhaupt erst wieder finden musste, das war Ausgangspunkt langer, fassungsloser Diskussionen……

Berichtet werden soll hier auch von der unendlichen Geduld, mit der er einem zwölfjährigen (sic!) mit großer methodischer Souveränität pianistische Grundlagen erklärte, wobei er nebenbei noch meine Versuche ertrug, Beethovens „Appassionata“ und das erste Tschaikowsky-Konzert zu spielen – was man mit 12 Jahren halt so im Kopf hat. Triller, Oktaven,Passagen, Anschlagsarten, klangliche Balance waren für Monate mein täglich Brot, dass er mit niemals nachlassender Intensität bearbeitete.

Nebenbei gab es noch ganz praktische Anwendung trockener Materie: Kontrapunkt wäre mir bis heute ein Fremdwort, hätte ich ihn nicht als Zwölfjähriger am Beispiel der c-moll-Fuge aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers erklärt bekommen. 

Formanalyse, einmal erklärt am Beispiel der „Appassionata“, ist mir seitdem beim täglichen Üben in Fleisch und Blut übergegangen – nur in der Formenlehre-Vorlesung verstand ich sie plötzlich nicht mehr, aber das ist eine ganz andere Geschichte….

Das besondere an diesem Unterricht war vor allem dies: War der kurzfristige Erfolg im Unterricht vielleicht nicht immer sofort sichtbar, so groß war er es auf lange Frist gesehen. Bis zum heutigen Tag begleitet mich sein Ethos der Musik gegenüber, gehen mir Sätze aus seinem Unterricht durch den Kopf und helfen mir immer wieder aufs neue, pianistische Probleme zu lösen, Musik zu verstehen, Inspiration in einem ungeliebten Werk, das nichtsdestotrotz gelernt werden muss, zu finden, Werke aus dem langjährigen Standardrepertoire immer neu zu erfinden – und meine letzte Klavierstunde bei ihm liegt immerhin 25 Jahre zurück!

Noch ein Ausspruch, der von vielen seiner Schüler kommt: „Niemand hätte mich besser auf den Beruf vorbereiten können – auch wenn ich das damals nicht gemerkt habe!“

Ich selbst bin nach so vielen Jahren, in denen Paul Dan vom Lehrer zum vertrauten Freund wurde natürlich nicht mehr objektiv ihm gegenüber, darum will ich von zwei eindrücklichen Momenten in meinem Leben erzählen, will andere seine Qualitäten darstellen lassen: 

Ich muß 16 Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal zu den Sommerkursen des großen ungarischen Pianisten György Cziffra fuhr. 

Dem vorausgegangen war ein bemerkenswerter Moment, in dem ich Paul Dan fragte, was ich denn während der endlosen Sommerferien ohne ihn machen solle. Seine Antwort: „Ich will Dich erst mal nicht sehen, geh auf jeden Kurs, den Du kriegen kannst, egal wo, egal bei wem, und wenn Du nur siehst, wie Du es nicht machen willst!“ Weise Worte!

Nun, angekommen in Frankreich hatte ich die aus heutiger Sicht größenwahnsinnige Idee, Liszts „Totentanz“ zu spielen, also im übertragenen Sinne zu versuchen, 100 Meter gegen Usain Bolt zu sprinten. Bereits nach den einleitenden Kadenzen (richtiger: Kadenzversuchen, so, wie ich spielte) wurde ich unterbrochen, bekam den Klavierauszug mit den Worten „Begleite mich mal kurz, ich zeige Dir mal die rhythmische Struktur des Anfangs…“ in die Hand gedrückt und bekam eine Demonstration des wohl virtuosesten Klavierspiel, das ich jemals erlebte. Bis zum heutigen Tag bin ich der festen Überzeugung, daß Rauch und Flammen aus dem Flügel stiegen!

Mit den Worten „geh üben!“ bekam ich meine Noten überreicht.

Am nächsten Morgen – ich hatte die Nacht am Klavier verbracht – nahm ich den nächsten Anlauf und bekam, nein, kein Lob, sondern eine Ermahnung: „Du hast offenbar einen großen Lehrer, hör ihm besser zu und mach es beim nächsten Mal gleich richtig!“ – kein selbstverständlicher Satz aus seinem Mund!

Der andere Moment ereignete sich ungefähr 2005, ich durfte Lorin Maazel auf einer Tournee durch die USA assistieren und korrepetierte eine Klavierprobe mit dem unangenehm komplizierten Cellokonzert von Peter Mennin – aus der Partitur, da der handschriftliche Klavierauszug mehr Verwirrung stiftete als hilfreich war.

Nach einem langen Kampf mit den rhythmischen Tücken des Werks und der ebenfalls schlecht lesbaren Partitur legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter und ein ganz ungewohnt sanftes „Du musst einen höllisch guten Lehrer gehabt haben“ brummelte durch den Raum. Es sind solche Momente, in denen man lernt, wie sehr man den eigenen Lehrer zu schätzen hat!

Nachdem ich nun den Lehrer Paul Dan gewürdigt habe, möchte ich auf den Teil seines Lebens zu sprechen kommen, den viele hier leider nie erlebt haben – den Pianisten!

Paul Dan war ein Pianist, der mit Leichtigkeit ein großes und vielseitiges Repertoire pflegte. 

Ich erinnere mich – und niemand, der dabei war, wird diesen Abend je vergessen – an sein Antrittskonzert im Dezember 1980, bei dem er Ravels „Gaspard de la nuit“ und Liszts Sonate h-moll wie aus dem Moment heraus erschuf, besonders aber an die kleine A-Dur-Sonate von Franz Schubert (D 664), die so vermeintlich harmlos den Abend eröffnete, um dann im langsamen Satz in die klangliche Unendlichkeit einzutauchen. 

Ich erinnere mich an eine wilde, berauschend bunte „Napoli“-Suite von Francis Poulenc, Liszts „Csardas macabre“, der wirklich wie die Beschwörung der Hölle klang, an die für mich bis heute auf einsamer Höhe stehende Darstellung der Rachmaninowschen Corelli-Variationen – und ich habe meine Hausaufgaben durchaus gemacht, ich verfüge über fast alle Aufnahmen dieses Werks! – , denen er in überlegener Weise formale Logik verlieh, ohne dabei jemals an musikalischem Schwung oder  musikalischer Freiheit einzubüßen.

Die Cellosonaten von Beethoven, die er mit meinem Vater am Cello mit soviel Temperament wie inniger Versenkung interpretierte.

Nicht zuletzt Joseph Haydn, dem er den „Säulenheiligen“ gründlich austrieb, den er mit großem Witz, Verve und steter Begeisterung spielte.

Das 4.Klavierkonzert von Beethoven, daß er mit bezwingender musikalischer Intensität erfüllte und, natürlich, das aufwühlende Urerlebnis des Konzerts für die linke Hand von Ravel, daß ich nie wieder in dieser überwältigenden Mischung aus klanglicher Gewalt, pianistischem Können und musikalischem Zauber gehört habe.

Nicht nur bekanntes fand sich im Repertoire: Die konzertanten Divertimenti von Hans Vogt – nach ihm ist der Saal im Altbau benannt, er war hier lange Kompositionsprofessor –  seien hier genannt, die Rapsodia sinfonica von Joaquin Turina oder  – damals ein viel obskureres Werk als heute – das Klavierkonzert von Antonin Dvorak. Bis heute bekomme ich beim Gedanken an das Hauptthema aus seinen Händen eine Gänsehaut!

Doch all dies ist Schall und Rauch gegen den Klavierabend, der Paul Dans letzter werden sollte, bei dem er im frisch renovierten Hans Vogt-Saal Schuberts letzte Sonate in B-Dur und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ spielte.

Zu erklären, in welcher Weise Paul Dan in der Schubert-Sonate an diesem Abend an letzten Dingen rührte, gliche dem Versuch, einen Kometen mit einem Schmetterlingsnetz einzufangen. Nie wieder – auch nicht bei einem Sokolov oder Richter, dem ich noch einige Male umblättern durfte – habe ich solche Klänge aus einem Flügel kommen hören, alleine der Übergang in die Durchführung des ersten Satzes war, als bliebe die Zeit für einen sehr, sehr langen Moment einfach stehen. 

Das Erlebnis dieses Abends hat mich selbst am Klavier sehr lange von Schubert ferngehalten – solche Höhen schienen ohnehin unerreichbar, doch das lange Warten hat sich gelohnt, kann ich doch heute an Schubert mit einer durch lange Jahre gewachsenen Gewißheit heran gehen, auch hier also wieder ein pädagogischer Erfolg auf sehr lange Sicht…..

Ich bin dankbar, daß ich diesen Abend erleben durfte, der mich im innersten berührt hat wie wirklich kein anderes Konzert seitdem, und unendlich dankbar für all die Musik, die ich durch ihn kennen und lieben lernen durfte.

Nach all diesen Jahren, für mich persönlich kann ich frei nach Uwe Johnson sagen: „Heute achtunddreißig Jahr“, möchte ich mich bei Paul Dan jedoch nicht nur bedanken, sondern ich möchte mich mit großem Respekt tief vor ihm verneigen mit einem Werk, mit dem sich ein besonderes Erlebnis verbindet:

Ich kam eines Tags in den Unterricht in der alten Heidelberger Hochschule – herrliche, große, immer angenehm temperierte Räume! – und fand Paul Dan am Klavier. Er übte ein mir völlig fremdes Werk, welches ich keinem Komponisten zuordnen konnte, daß mich jedoch in seiner ganz ungewöhnlichen Andersartigkeit völlig gefangen nahm, mich vor Begeisterung atemlos machte: Enescus 2.Suite Op.10.

Nachdem ich in einer monatelangen Suchaktion an die Noten gekommen war – wir reden von den 80ern, es gab noch kein Internet – schrak ich zunächst vor den enormen Anforderungen des Werks zurück. Erst Jahre später wagte ich mich daran, doch bis zum heutigen Tag kann ich die Klänge nicht vergessen, die Paul Dan mit größter Hingabe aus dem keineswegs hervorragenden Instrument zauberte. 

Hören sie also genau den Satz, den ich damals zum allerersten Mal hörte :

(Georges Enescu, Suite Nr.2 Op.10, 4.Satz Bourrée)