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Das iPad im Konzert

Dieser Artikel begann früher mit einigen Namen von Musikern, die das iPad bereits im Konzert nutzten.

Mittlerweile ist diese Frage entschieden: Jene, die mit Musik auf Reisen sind, die früher größere Mengen an Noten mit sich herumtragen mussten sind mittlerweile umgestiegen auf das so praktische Gerät, das so viele Vorteile – nicht zuletzt den des geringen Gewichts – mit sich bringt.

Ich selbst habe 2011 damit angefangen, inspiriert von dem damals noch jungen Programm ForScore auf dem iPad 2, nachdem ich schon Jahre vorher oft den Laptop auf dem Flügel stehen hatte – Umblättern mit Pfeiltasten, ein Horror!

Die Vorteile sind offensichtlich: Man hat immer alle Noten dabei.

Alle.

Es spielt einfach keine Rolle mehr, wieviele Noten man mitnehmen möchte – das iPad wiegt immer gleichbleibend 300 (iPad mini) bis 723 (iPad Pro 12,9) Gramm.

Ausserdem sind die Noten immer perfekt beleuchtet, man kann sie vor weißem oder sepiafarbenem Hintergrund (wie bei etwas gealtertem Papier) oder auch invertiert (weiß auf schwarz) anzeigen lassen. Das mag sehr banal klingen, kann aber auf schlecht ausgeleuchteten Bühnen (und ich sitze zum Beispiel als Orchesterpianist oft an einer schlecht beleuchtbaren Position) ein sehr entscheidender Faktor sein.

Für wen ist es sinnvoll?

Im Grunde für alle – mit Ausnahme der Dirigenten.

Zwar wären auch für diese zB die Lesezeichenfunktionen sehr interessant, aber die Geräte sind einfach zu klein, um große Partituren des 19. und 20.Jahrhunderts sinnvoll darstellen zu können.

Für Streicher und Bläser ist es in meinen Augen die perfekte Lösung, Schlagzeuger (hier spielt bei größeren Aufbauten auch die Entfernung eine große Rolle…) und Pianisten müssen für sich herausfinden, ob sie mit dem veränderten optischen Bild zurecht kommen.

Wer natürlich das gute, alte Papier spüren, den Geruch alt gewordenen Papiers in der Nase haben will, für den ist das Tablet nichts.

Umblättern: Der Elefant im Raum

Der einfachste Weg, umzublättern sind zweifellos die diversen Bluetooth-Pedale.

Mein Favorit unter den Pedalen sind zur Zeit die Pedale von Lekato und von Donner, weil diese beiden Modelle wirklich geräuschlos arbeiten. Das Pedal von Moukey zum Beispiel ist für mich an und für sich das perfekte Gerät, weil es sich ungemein präzise anfühlt – leider klickt es aber so laut, dass es auf der Konzertbühne stört, ich persönlich benutze es beim Üben.

Das Umblättern per Bluetooth-Pedal will erlernt und in einen automatischen Ablauf eingebunden werden. Man sollte niemals mit dem iPad auf die Bühne gehen, ohne die Abläufe während des Übens automatisiert zu haben!

Ich persönlich benutze das Pedal nur, wenn es unbedingt nötig ist und blättere sonst von Hand um – was auch geübt sein will, mehr als einmal habe ich anfangs ein Gerät mit dem über Jahrzehnte erlernten Reflex vom Pult gefegt!

Wenn man dann allerdings, wie es mir hin und wieder passiert, anfängt, in gedruckten Noten zwei Finger aufzulegen und auseinanderzuziehen, um eine Stelle zu vergrössern (sic!), weiss man, dass man sich an die neue Technik gewöhnt hat.

Eintragungen nimmt man einfach mit dem Stylus vor, der zwar auch wieder Geld kostet (99 bzw. 135 €), mir jedoch unverzichtbar erscheint.

Ein wichtiger Hinweis zum Open Air-Konzert !

Auch im Freien ist das iPad ein hilfreicher Begleiter: Es wird zumindest nicht so einfach wie Notenblätter vom Wind erfasst.

Aber: Man sollte darauf achten, nicht in der prallen Sonne zu stehen. Zum einen ist das im Sommer schlicht nicht gesund, zum anderen kann das iPad zwar durchaus Wärme vertragen, bei direkter Sonneneinstrahlung wird es jedoch zu warm und meldet sich mit dem Hinweistext „Temperatur. Dein iPad muss abkühlen, bevor es benutzt werden kann“ und einem schwarzen Bildschirm ab.

Das bedeutet natürlich auch: Man sollte das Gerät niemals im heissen – und entsprechend im Winter nicht im kalten – Auto lassen. Apple gibt einen Temperaturbereich von 0 bis +45 Grad Celsius als akzeptable Aussentemperatur an.

Der Pencil

Eine Bemerkung zum Pencil: Auch wenn dieser in seiner 2.Generation nochmals teurer geworden ist, die Anschaffung lohnt sich! Man kann zwar Fingersätze und Eintragungen aller Art auch mit dem Finger vornehmen, aber mit dem Pencil geht es doch um ein vielfaches schneller und präziser. Ein Blick auf die Möglichkeiten, die Newzik dafür bietet – Strichstärke, Farbe, Deckungsgrad, breiter transparenter Marker – lohnt sich sehr, amüsant finde ich immer wieder den elektronischen Radiergummi und natürlich die Möglichkeit, weiße Anmerkungen zu machen, also gewissermaßen elektronisches Tipp-Ex zu benutzen!

Auch die Suche nach der perfekten Position kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich habe mit verschiedenen Halterungen, Kissen, mit einem zusammengerollten T-Shirt und, auch das, mit einem gerollten schwarzen Handtuch (derzeit meine erste Wahl) als Unterlage experimentiert.

Im Studio des SWR Kaiserslautern – zwei Pianisten mit insgesamt drei iPads bei der CD-Aufnahme

Natürlich kann man auch das herkömmliche Notenpult nutzen, was am Flügel allerdings nicht sehr vorteilhaft aussieht. Ausserdem verändert das Notenpult den Klang, den man selbst hört – bei meinem eigenen Flügel ist es so massiv, dass ich mittlerweile nach einem anderen Pult suche!

Am Cembalo oder der Truhenorgel verwende ich immer einen Notenband oder eine Mappe – der optische Stilbruch ist sonst einfach zu groß.

Die großartige Pianistin Simone Dinnerstein (hören Sie ihre himmlischen Goldberg-Variationen!) hat ein wunderbares Stativ für den Flügel, entworfen und gebaut von ihrem Mann – ich persönlich würde es , so ist zu befürchten, spätestens am dritten Abend irgendwo vergessen, ich mag vielleicht keine Brotkrumen auf meinem Weg hinterlassen, aber Blätterpedale und iPad-Halterungen schon….

Sprünge und Wiederholungen

Die verschiedenen Apps bieten umfangreiche Möglichkeiten, Sprünge und Wiederholungen zB mit einer speziellen Markierung oder einer Geste (zwei Finger auf die Seite blättern bei Henle zum Wiederholungszeichen zurück) zu vereinfachen.

Probleme und Ängste

Nach 12 Jahren mit dem iPad auf der Bühne sind bei mir folgende Probleme aufgetreten:

• Das Pedal blättert nicht um.

Liegt eigentlich immer daran, dass das Pedal nach 5 Minuten ohne Eingaben in den Ruhezustand geht und erst durch erneutes Treten aufwacht – eine Funktion, die mit den technischen Grundlagen von Bluetooth zu tun hat und nicht ohne weiteres verändert werden kann.

• Das Pedal blättert zu langsam um.

Früher hatte man dann ein zu altes Gerät mit zuwenig Grafikspeicher (iPad 2.Generation!)

Heute ist dies eher ein Wahrnehmungsproblem: Ich bin mit Papiernoten nie so schnell beim Umblättern wie das iPad, der Vorgang fühlt sich aber subjektiv vollkommen anders an.

Es lohnt sich, einmal mit der Funktion “halbe Seite umblättern” herumzuspielen, die manche Apps anbieten. Ich gestehe, dass mir die Gewöhnung daran sehr schwer fällt, aber man erspart sich das Raten darüber, wie denn die nächste Seite anfängt (und kryptische Anmerkungen am Seitenende wie: “g-moll”, “Terzen”, oder, auch das: “Chaos-Akkord”.

• Die App “hängt”.

Das passiert, Gott sei Dank, fast nie. Es gibt in allen auf dem Markt befindlichen Apps Baustellen, die aber in der Regel sehr schnell behoben werden.

Sehr wichtig!

Man sollte unbedingt mit dem Gerät auch im alltäglichen Umgang, mit seiner Bedienung und seinen Möglichkeiten vertraut sein!

Wenn es auf der Bühne doch einmal passieren sollte, dass man eine App abschießen (also: Manuell beenden) muss, sollte man blind wissen, wie das geht und nicht mehr darüber nachdenken müssen!

Rituale…

Stets einen geladenen Akku zu haben, erfordert eine gewisse Disziplin – und das Mitführen eines Ladegeräts!

Man sollte ein Ritual daraus machen, das Gerät immer rechtzeitig aufzuladen. Eine kleine Tragetasche oder Hülle (gibt es billig in unendlich vielen Variationen), in der noch Platz für ein zweites (Unterwegs-)Ladegerät ist, beruhigt die Nerven ungemein, ebenso wie eine Powerbank, sofern man rechtzeitig daran gedacht hat, diese zu laden, natürlich!

Auf unserem Küchentisch liegt ein Ladegerät mit 5 Ports an dem alle möglichen Geräte laden, keine sehr familienfreundliche Lösung, aber sehr, sehr beruhigend.

Am Cembalo…

Software – mit welchem Programm stelle ich Noten auf dem iPad dar?

Forscore war anfangs der Platzhirsch, neben einigen, einfachen Ansprüchen genügenden Gratisprogrammen.

Newzik ist das jüngere Programm, hat aber mittlerweile eine eindrucksvolle Entwicklung genommen und ist das Programm meiner Wahl geworden, schnell, unkompliziert und in ständiger Weiterentwicklung begriffen.

Newzik bietet umfangreiche Anpassungsmöglichkeiten und ist hervorragend an den Apple Pencil und die iPads angepasst.

Im Probespiel unverzichtbar – nie mehr Probleme mit Kandidaten, die ihre Klavierstimmen vergessen haben!

Übrigens gibt es Newzik mittlerweile auch für das iPhone, im Landscape-Modus (also bei quer gehaltenem Gerät) ist das viel mehr als eine reine Notlösung. Hier schlägt natürlich die grosse Stunde des iPad Pro 12,9, auf dem man im Querformat zwei Seiten nebeneinander gut lesen kann 

Als besonderes Zuckerstück sei die Newzik-eigene Cloud erwähnt, die alle Werke der eigenen Bibliothek enthält und diese – sowie die darin vorgenommenen Einzeichungen! – über mehrere Geräte hinweg (mittlerweile auch auf den Computer zuhause!) synchronisiert. Wenn ich also mein Gerät verliere, vergesse oder zerstöre, kann ich meine Noten jederzeit auf ein neues oder auch nur geliehenes Gerät synchronisieren, da die Newzik-ID nicht identisch ist mit der Apple-ID, ich also auch meine Newzik-Umgebung auf einem fremden, geliehenen Gerät einrichten kann.

Newzik auf dem Computer!

Für mich, der nach 40 Jahren mit Computern (sic!) den Satz: „Es gibt nichts besseres als ein Backup, ausser einem Reserve-Backup!“ verinnerlicht hat, sehr, sehr beruhigend zu wissen (der stete Begleiter eines Geeks ist übrigens der Satz: “Kein Backup? Kein Mitleid!” Nicht etwa, weil man Menschen nicht mag, sondern, weil man sonst so oft mitleiden müsste….)…..

Die Henle-App ist in erster Linie ein elektronisches Frontend für den hauseigenen Store und auf die Noten des Henle-Verlags beschränkt.

Ich persönlich kämpfe immer wieder mit den Begrenzungen des Annotationswerkzeugs, die wiederum direkt bedingt sind durch die Möglichkeiten der App, das gesamte Notenlayout zu ändern. Der stetig wachsende Store, in dem man inzwischen den gesamten Henle-Katalog kaufen kann, ist aber ein Highlight!

Allerdings hat es bei der Henle-App eine kleine Revolution gegeben: Doppelseitiger Landscape-Modus!

Das heißt, wenn ich das Pad quer lege (…und die Option angewählt habe…), kann ich zwei Seiten nebeneinander darstellen, sehr hilfreich und bei Henles sehr klarem Notenbild auch wirklich sehr brauchbar!

Immer gut beleuchtet…..

Eine große Enttäuschung ist in meinen Augen die Entwicklung am Notenmarkt. Die Verlage scheinen die Entwicklung entweder zu verschlafen oder aussitzen zu wollen, auf jeden Fall bewegt sich zur Zeit sehr wenig vorwärts, jeder kocht sein eigenes, mit den anderen weitgehend inkompatibles Süppchen.

Eine erwähnenswerte Ausnahme ist der Schott-Verlag, der einen großen Teil seiner Neuerscheinungen auch zum Download anbietet! Man kann sogar ausdrucken, mit einem Wasserzeichen am Rand (etwa: Gedruckt für (emailadresse) am xx.xx.xxxx), das aber wirklich nicht stört.

nkoda ist so etwas wie Spotify für Noten – man kann sich für 10€ im Monat Noten aller in der App vertretenen Verlage – und das sind einige! – ansehen, allerdings nur das, Ausdrucken oder kaufen mit Hilfe der App ist nicht möglich (Hallo, Musikverlage!).

Gvido (https://www.gvido.tokyo) war ein Gerät, das im wesentlichen aus zwei miteinander verbundenen E-Book-Displays in A4-Größe bestand – und wirklich teuer war (Stand 2019: 1.700€, Pedal 300€, Tasche 300€). 

Dieses Gerät war in Relation zu seiner Größe unglaublich leicht, hatte allerdings enge Grenzen, da es im Grunde nur ein riesiger ebook-Reader war: Das Umblättern war langsam und es gab keine Hintergrundbeleuchtung.

Leider verkündet die Website inzwischen das Ende des Supports für 2024, so dass Gvido wohl bald Geschichte sein wird.

Pina-Bausch-Theater, Essen

Das iPad im Orchester

Einige Gedanken möchte ich der Verwendung im Orchester zukommen lassen, hierzu jedoch im voraus: Es sollte meiner Meinung nach jedem Musiker überlassen werden, ob er vom iPad spielen will oder nicht.

Nicht nur der Aspekt der Anschaffungskosten für ein Gerät, das recht schnell veraltet und nur zur Verwendung als Notenersatz einfach zu teuer ist, sollte nicht ausser Acht gelassen werden.

Auch können grosse Schwierigkeiten auftreten, wenn ein wenig technikaffiner Kollege ein Gerät einfach vorgesetzt bekommt. Wie verhalte ich mich, wenn plötzlich das Licht ausgeht (was man in den Einstellungen unterbinden kann, aber wo sind die Einstellungen..)? Was mache ich, wenn es mit dem Umblättern nicht klappt? Wie verändere ich die Helligkeit und warum sehe ich plötzlich „Kevin allein zu Haus“ (Das ist kein Scherz, ich bin einmal – im Konzert! – in diese Situation gekommen, weil ich zur nächsten (Film-)App weitergewischt hatte, anstatt umzublättern und das Gerät war nicht auf lautlos geschaltet…..)?

Wer das Gerät also nicht ohnehin im Alltag ständig benutzt, sollte sich der Fussangeln der mangelnden Vertrautheit gewahr sein – auch wenn das Betriebssystem dem des iPhones sehr ähnlich ist, die verwendeten Apps sind eben doch anders und spielen nach ihren ganz eigenen Regeln! 

Ich selbst spiele schon sehr lange auch im Orchester vom iPad, bin allerdings in den weitaus meisten Orchestern auch der einzige, der das tut.

Es sei hier zugegeben: Ich bin ein echter Geek.

Ich habe schon Computer benutzt, als Windows und der Mac noch Träume in den Gehirnen ihrer Schöpfer waren (mein erstes Betriebssystem hieß Apple DOS – es gab noch kein MacOS!) und war immer sehr neugierig den aktuellen Entwicklungen (und Fehlentwicklungen…) gegenüber.

Das ist aber nicht für jeden der perfekte Weg.

Meine momentane Überzeugung geht dahin, dass jeder, der es möchte, im Orchester vom iPad spielen dürfen sollte. Es sollte aber nicht zum Zwang werden!

Ich habe den ganzen Tag über, nicht nur, aber eben auch beim Üben, mit elektronischen Geräten zu tun, ich weiß was ich tun muss, wenn mal eines zu spinnen anfängt, kümmere mich um aufgeladene Akkus, aktualisierte Notenprogramme und Pedale.

Weil ich ein vorsichtiger Mensch bin, habe ich sogar immer ein Backup-iPad mit dabei…

Wenn aber ein Musiker nicht diese Vertrautheit mit dem Gerät, dem Betriebssystem und der App hat, halte ich es beim derzeitigen Stand der Technik für schlicht zu riskant, ihn einfach ins kalte Wasser zu schmeissen.

Dieses Thema ist aber damit keineswegs ausdiskutiert, die technische Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen – doch sollte sich niemand entmutigen lassen!

Das kommt auch mal vor: Das iPad als Equalizer, um ein klanglich indiskutables Einspielband erträglich zu machen – auch das kann zu den Aufgaben eines Pianisten gehören!

Ich persönlich kann mir das Musikerdasein ohne iPad schon gar nicht mehr vorstellen – und zum Notenschleppen früherer Tage will ich definitiv nicht mehr zurück!

Noten

Die wichtigste Quelle ist natürlich imslp.org.

Es gibt noch einige andere Seite, aber diese ist immer der Ausgangspunkt der Recherche.

Orchester, Verlage und Komponisten senden mittlerweile in der Regel fertige pdfs.

Ein sehr wichtiger Punkt: Die Qualität der gescannten Noten. Auch der beste Bildschirm kann aus einem kontrastarmen, unscharfen Scan nichts herauszaubern. Die nötige Sorgfalt bei der Erstellung gut lesbarer und auf den Bildschirm zugeschnittener pdfs kostet Zeit – Zeit, die man nur durch gute Lesbarkeit entlohnt bekommt und die bei Verwendung gedruckter (natürlich sollte man immer das Original besitzen, meine Bibliothek bedeckt eine ganze Zimmerwand…) oder als Download gekaufter Noten gar nicht erst anfällt.

Auf den Notenbibliothekar sollte man diese Aufgabe nicht abwälzen. Sie ist zeitaufwendig und undankbar, da mancher vielleicht gerne breite Ränder hat, ein anderer wiederum am liebsten gar keine, ausserdem muss eine elektronische Stimme immer auch noch nachkontrolliert werden, z.B auf Vollständigkeit der Seiten – der Fehlerquellen sind da viele!

Geräte: Hallo Apple? Ich hätte da ein paar Fragen…

Ich bin seit 1983 (der gute, alte Apple II…) Apple-Nutzer.

Immer wieder beschäftige ich mich auch mit Android-Geräten und habe einiges an Erfahrungen gesammelt, möchte mich hier aber auf das iPad beschränken, da die entsprechenden Apps zur Zeit nur unter iOS/iPadOS laufen und mein persönliches Setup (Computer, Handy…) sich auf Apple beschränkt.

Die Geräte ohne Retina-Display – das Ur-iPad, das iPad 2, sowie das erste iPad Mini – machen keinen rechten Sinn: Die Bildschirmauflösung ist einfach zu gering und die Geräte zu langsam. Ausserdem sind sie heute (2024) auch schon mindestens 10 Jahre alt und bekommen schon einige Zeit keine Betriebssystemupdates mehr.

Alle anderen Geräte sind grundsätzlich tauglich. 

Der Aspekt der Größe spielt, gerade mit zunehmendem Alter, eine wichtige Rolle: Während Tine Thing Helseth mit ihrem kleinen iPad offenbar wunderbar zurechtkommt, ist für einen Weitsichtigen wie mich das 12,9 Zoll-Modell trotz Brille gerade eben ausreichend – der Preis dafür ist allerdings weit mehr als nur ausreichend…… 

Man sollte sich zunächst über die bevorzugte Größe im klaren werden. Am besten, man geht mit der Brille bzw. den Kontaklinsen die man auf der Bühne trägt, zum Händler und probiert das Gerät mit einer für das jeweilige Instrument realistischen Leseentfernung und einer Seite aus imslp, die man sich am besten zum direkten Vergleich ausdruckt, aus. 

Das iPad mini (7,9 Zoll, ab 2021 8,4 Zoll) gibt es mit 64 oder 256 GB, beginnend bei 649€.

In der mittleren Größe (10,9 Zoll) gilt es, sich beim Grundmodell (iPad 10.Generation) zwischen 64 und 256 GB Speicher zu entscheiden – wer keine Filme und nur wenig Musik mitnehmen will, kommt mit der kleinen Größe (64 GB) zurecht, für Noten ist allemal genug Platz, meine derzeitige Newzik Bibliothek umfasst über 700 Werke und nimmt knapp 7 GB in Anspruch – und das sind Klaviernoten, Streicher- oder Bläserstimmen sind naturgemäss (weniger Seiten) kleiner.

Dieses Grundmodell hat in der aktuellen, 10.Generation, allerdings einen Pferdefuß, über den sich das Netz zu recht aufregt: Man benötigt, um den Pencil (kompatibel sind der Pencil der 1.Generation und der USB-C Pencil mit dem aussenliegenden Ladeanschluss) mit dem Gerät zu koppeln und an diesem aufzuladen ein USB-C Kabel!

Wenigstens den Preis hat Apple im Mai 2024 auf akzeptable 429€ angepasst.

Das iPad Air ist 11 oder 13 Zoll groß und bietet gegenüber dem Grundmodell einige technische Vorteile, wie einen besseren Bildschirm, Stereo-Lautsprecher, einen schnelleren USB C-Anschluss und den M2-Prozessor.

Vor allem aber unterstützt es den Apple Pencil 2, der dem ursprünglichen Modell in jeder Hinsicht überlegen ist!

Die Preise beginnen derzeit bei 699€ (11 Zoll) und 949€, jeweils mit 128 GB Speicher.

Das iPad Pro ist gleich groß (11 oder 12,9 Zoll) und bietet einen nochmals besseren OLED-Bildschirm und bessere Kameras, allerdings auch zu Preisen ab 1199 (11 Zoll), bzw. 1549 € (12,9 Zoll).

Ich persönlich verwende immer noch das iPad Pro 12,9 von 2020. Meine Musiksammlung, Filme, Serien, Bücher, die tägliche Korrespondenz, meine Texte und vieles mehr begleiten mich darauf überall hin.

 Es ist mit etwas Einarbeitung durchaus möglich, mit dem iPad den Laptop zu ersetzen, ich hatte zuhause lange nur noch einen kleinen Mac Mini im Regal stehen und vermisste nichts.

Dem neuen MacBook Pro mit dem M1-Prozessor konnte ich allerdings irgendwann doch nicht mehr widerstehen…

Wer auch über diesen Weg nachdenkt, sollte sich genau überlegen, ob er wirklich die sehr teure, zugestandenermaßen aber wirklich sehr gute Apple-Tastatur braucht.

Es gibt sehr viel günstigere Marktbegleiter z.B. von Logitech, die ihren Zweck genau so gut erfüllen – ausserdem kann jede handelsübliche Bluetooth-Tastatur mit dem iPad gekoppelt werden.

Aufnahmen spiele ich gerne mit einem (offenen!) Kopfhörer, auf dem ich die Stereosumme höre – das erleichtert das korrekte Timing ungemein!

Und welches Gerät soll ich jetzt kaufen?

Es gibt zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Entweder man will mit dem iPad den Laptop unterwegs komplett ersetzen.

Dann empfehle ich nach wie vor das iPad Pro mit 512 GB oder einem TB Speicher und einem Tastaturcover von Apple oder Logitech – sehr, sehr teuer, aber sehr, sehr gut.

Oder man will das iPad nur für Noten, Korrespondenz und ein wenig Unterhaltung (eBooks, Filme, Musik…) unterwegs benutzen.

Dann genügt das iPad Air mit 256 GB völlig. Auch dieser Bildschirm ist hervorragend und der Speicher für Noten vollkommen ausreichend. Auf meinem privaten Gerät befinden sich derzeit über 1000 Stück, die nicht einmal 10 GB belegen.

Der digitale Nomade unterwegs….

Zum Abschluss hier noch mein persönliches Setup, wie es sich nach vielen Jahren on the road herauskristallisiert hat:

MacBook Pro in einer Schutzhülle.

iPad mit geladenem Akku, Pencil, allen benötigten Noten in der App und überprüfter Synchronisation (dazu genügt es in meinem Falle, NewZik im heimatlichen WLAN kurz zu öffnen)

Reserve-iPad mit geladenem Akku und Pencil (auch dieses synchronisiert, natürlich)

Starkes, schnelles Ladegerät

Kleines, leichtes Reserve-Ladegerät

Bluetooth-Kopfhörer (immer nützlich)

Blätterpedal, geladen (Übrigens hält dessen Akku sehr lange durch, die angegebenen 30-40 Betriebsstunden erscheinen mir realistisch)

2 USB C-Kabel (eines kann immer kaputtgehen..)

Handy mit synchronisiertem Newzik. Da meine iPads reine WLAN-Modelle sind, gehe ich auch mit dem Hotspot des Handys ins Netz, das verbraucht Strom, deswegen…..

Ladekabel fürs Handy (..und ich freue mich schon darauf, diese Zeile irgendwann einmal löschen zu können, wenn alle Handy mit USB C laden…)

Für Aufnahmen: Ein offener, kabelgebundener Kopfhörer (kein teures Luxusgerät, muss nur bequem sitzen und eine 6,3mm-Klinke haben).

Dieser Satz hat so viele Fragen aufgeworfen…also: Den Kopfhörer nehme ich mit, um bei Aufnahmen, bei denen ich sehr oft am Rand und in einer akustisch sehr ungünstigen Position sitze, den Toningenieur bitten zu können, mir einen Kopfhöreranschluss mit der Summe – also mit dem Mix, den der Toningenieur im Ü-Wagen hört – ans Klavier zu legen. Auf diese Weise lassen sich sehr viele Timingprobleme schnell und einfach lösen, die man durch die große Entfernung z.B. zu den gegenüberliegenden, weit entfernten Kontrabässen hat, mit denen man trotzdem perfekt zusammen spielen soll.

Handtuch (50×100) zum Zusammenrollen, falls ich das iPad doch in den Flügel legen möchte – neben klanglichen Vorteilen sieht man so übrigens den Dirigenten oder auch Kammermusikpartner sehr viel besser…

Falls es ins Ausland geht: Passende Steckdosenadapter!

Eine Begegnung mit John Ogdon (1937-1989)

Es war, wie ich rekonstruieren konnte, der 14.Juli 1988.

Ich war mit einer Kollegin nach London geflogen (Londons Notenantiquariate waren damals der Traum eines jeden Musikers!) und wir waren mit dem Taxi unterwegs in die City, als sie plötzlich „STOP!“ rief.

Der Taxifahrer fuhr vor Schreck fast in den Gegenverkehr ..“warten Sie einen Moment!“..und sie zerrte mich zu einem Plakat: John Ogdon plays Sorabji Opus Clavicembalisticum.

Ich erinnere mich noch, als sei es gestern, an meine erste Reaktion: „Ogdon? Der lebt noch?“ Denn der Sieger des Tschaikovsky-Wettbewerbs von 1962 (geteilter 1.Preis, gemeinsam mit Vladimir Ashkenazy) war mir zwar durch einige phänomenale EMI-LPs ein Begriff, war aber so vollkommen aus dem Klassikbetrieb verschwunden (während Vladimir Ashkenazy gleichzeitig einer, wenn nicht der präsenteste Pianist dieser Zeit überhaupt war), dass ich davon ausgehen musste, ihm sei etwas zugestossen – dem war auch in der Tat so, aber dazu später. 

Wir fuhren also zur Queen Elizabeth Hall und ich suchte in meinem Kopf zusammen, was ich über Sorabjis Opus Clavicembalisticum wusste: Sehr, sehr lang, unspielbar, der Komponist hatte vier Jahrzehnte lang jegliche öffentliche Aufführung verboten.

Wie bereits erwähnt, war mir John Ogdons Erscheinung nurch durch einige PR-Fotos von Plattenhüllen bekannt und ich erschrak doch etwas, als ein vorzeitig gealterter, ungewöhnlich umfangreicher Mann mit weißen Haaren und einem von Zigaretten vergilbten Bart zusammen mit einem Umblätterer unsicher die Bühne betrat und und sich am Klavier niederließ.

Doch, welche Verwandlung! Plötzlich ging ein Ruck durch den Pianisten und es begann eine pianistische tour de force, ein Marathon, den ich nie vergessen werde, wie wohl jeder, der ihn miterleben durfte.

Denn Sorabjis „Opus Clavicembalisticum“ ist lang, sehr lang: Ogdons kurz nach dem Konzert eingespielte Studioaufnahme (Altarus Records, u.a. bei Apple Music zu streamen) bringt es auf viereinhalb Stunden reine Spielzeit!

Und wir kamen in den Genuss eines besonderen Extras, denn kurz vor Beginn des Konzerts setzte sich ein schmaler Herr vor uns und öffnete auf seinen Knien die Noten des Werks – der Zufall hatte uns Plätze hinter dem schottischen Komponisten und Pianisten Ronald Stevenson beschert, der sich überhaupt nicht daran störte, dass da zwei Verrückte über seine Schulter mitlasen, uns nach der ersten Pause sogar an seine Seite bat. 

Es ist gar nicht einfach zu beschreiben, wie die Musik von Kaikhosru Shapurji Sorabji, wie „Opus Clavicembalisticum“ klingt.

Meine erste Begegnung mit dem Werk hatte ich durch einen Mitschnitt mit dem Pianisten Geoffrey Douglas Madge – ich gestehe, dass mein erster Eindruck der eines ungeheuren Besteckkastens war, der vier Stunden lang über mir ausgeschütet wurde. Dass die Noten nicht zugänglich waren (was sich inzwischen dank des Sorabji-Archivs und seines Leiters Alistair Hinton geändert hat), machte die Sache nicht einfacher, ich beschäftigte mich trotzdem immer wieder mit diesem ungeheuren, so eindrücklichen und doch so unerreichbar fernen Werk.

Bei John Ogdon kam nun jedoch noch die unmittelbare Wirkung des Live-Konzerts hinzu, die ungeheure pianistische Leistung, der strahlende Klang des wundervollen Instruments.

In der ersten Pause verschwand Ronald Stevenson hinter der Bühne, um mit besorgtem Gesicht wieder aufzutauchen, während des zweiten Teils schien ihn etwas zu beschäftigen, abzulenken und in der zweiten Pause – die nicht nur der Pianist, sondern auch das Publikum wirklich brauchte – fasste ich mir ein Herz und sprach den von mir so bewunderten Komponisten (seine „Peter Grimes Fantasy“ habe ich oft gespielt, ein Meisterwerk!) an.

Zunächst war er fassungslos über meine Unwissenheit, dann blickte er mich plötzlich traurig an: „Zwanzig? Ach, dann haben Sie natürlich nichts mitbekommen..“

In wenigen Minuten fasste er mir nun ein Leben voller Höhen und Tiefen zusammen, dass immer wieder von Krankheit beeinträchtigt wurde.

Nach dem Konzert: Ein triumphaler Erfolg, im dreiviertelstündigen Finale hatte Ogdon sämtliche Grenzen pianistischen Könnens und des Intruments ad absurdum geführt. 

Das Publikum, wie aus einem Traum erwachend, applaudierte erst zögernd, dann vollkommen entfesselt einem Pianisten, von dem zu ahnen war, dass man ihn möglicherweise nicht wiedersehen würde.  

John Andrew Howard Ogdon, Jahrgang 1937, wuchs in Manchester auf, war Schüler von Richard Hall, Iso Elinson und Gordon Green und stiess bereits früh zur Manchester New Music Group um die Komponisten Harrison Bithwistle, Peter Maxwell Davies und Alexander Goehr.

John Ogdon besaß eine ungewöhnliche Begabung: Er konnte praktisch jedes Werk, dass man ihm vorlegte, konzertreif vom Blatt spielen.

Berichte von Musikerkollegen umfassen u.a. die zweite Sonate von Pierre Boulez, die ihm zwar nicht besonders gefiel, die er aber trotzdem noch am selben Abend (!) im Konzert spielte, die dritte Sonate von Sorabji, das zweite Brahms-Klavierkonzert, dass er innerhalb eines Tages (!) lernte und die „Vingt Regards“ von Olivier Messiaen (zwei Tage).

1958 debütierte er bei den Londoner Proms mit Busonis 80-minütigem Kavierkonzert mit Schlusschor.

1959 spielte er im Haus von Ronald Stevenson zum ersten Mal K.S.Sorabjis „Opus Clavicembalisticum“ für den Widmungsträger, den schottischen Schriftsteller Hugh McDiarmid (eigentlich C.M.Grieve).

1962 dann der große Durchbruch: Ogdon gewinnt, gemeinsam mit Vladimir Ashkenazy, den 2.Tschaikovsky-Wettbewerb im Fach Klavier.

Dieser Sieg bringt Ogdon Engagements auf der ganzen Welt, er spielt zeitweise über 200 Konzerte pro Jahr und dies keineswegs mit Standardrepertoire: Sein musikalischer Hausgott Busoni spielt immer eine Rolle, er ergreift jede Gelegenheit, dessen Klavierkonzert aufzuführen.

Auch zeitgenössische Komponisten tauchen oft in seinen Programmen auf, nicht nur die bekannten, sondern auch Namen wie Thomas Pitfield, Richard Yardumian und Peter Mennin.

Schon früh machen sich jedoch Zeichen einer schwankenden Gesundheit, einer angreifbaren emotionalen Verfassung bemerkbar. 

Ich möchte auf diesen Aspekt hier nicht tiefer eingehen, empfehle interessierten aber Charles Beauclerk‘s ausgezeichnete Biographie „Piano Man“ und die Dokumentation der BBC, in der Weggefährten wie Rodney Friend, Stephen Hough, Hamish Milne, Cleo Laine und nicht zuletzt Ogdons Kinder zu Wort kommen.

Auf einen wichtigen Bereich im Leben des Pianisten John Ogdon möchte ich ein wenig ausführlicher zu sprechen kommen: Die Aufnahmen.

John Ogdon hatte eine sehr individuelle Art, Klavier zu spielen, mit weichen, flexiblen Händen.

So ist seine Aufnahme des ersten Tschaikowsky-Konzerts unter Leitung von John Barbirolli, die direkt nach dem Wettbewerb entstand, nicht nur ein Beispiel dafür, wie fast schon unvirtuos dieses so abgespielte Werk klingen kann, sondern auch dafür, wieviele Möglichkeiten der Interpretation es gibt.

Ähnlich entdeckungsfreudig und spontan sind viele Aufnahmen des Standardrepertoires: Francks Symphonische Variationen, Rachmaninows zweites Konzert und Paganini-Rhapsodie, Liszts h-moll-Sonate, die Klavierkonzerte von Mendelssohn (mit der bis heute unerreichten Referenzaufnahme des Rondo brillant Op.29), Rachmaninows Etudes-Tableaux, Beethovens Hammerklaviersonate!

Und natürlich die Aufnahme, die allein ihn schon unsterblich gemacht hätte: Liszts Réminiscences de Don Juan. 

In dieser Aufnahme, wohl der einzigen, die jemals an Simon Bareres Höllenritt von 1935 heranreichte, zeigt Ogdon, wie man pianistische Probleme, an denen sich Generationen von Pianisten die Finger wund geübt haben, wie nebenher löst, während man gleichzeitig souverän einen musikalischen Bogen über dieses sehr buntscheckige Werk schlägt – so faszinierend wie einschüchternd!

John Ogdon war zeitweise weniger ein Pianist, als ein klavierspielender Komponist. Sein Repertoire war von ungeheurer Breite und dies schlug sich in Aufnahmen nieder, deren Werke zum Teil auch heute noch obskur sind, zu erwähnen sind hier das erste Konzert von Glasunow, die Aufnahmen zeitgenössischer britischer Komponisten, das Klavierwerk von Carl Nielsen, die Sonaten von Alexander Scriabin, Messiaens „Vingt Regards“, Liszts Spanische Rhapsodie in der Orchesterfassung von Busoni und, nicht zuletzt, sein eigenes Klavierkonzert!

Ich muss bekennen, dass ich die Aufnahmen des Klavierduos des Ehepaars John Ogdon/Brenda Lucas Ogdon nie geliebt habe. 

Ich hatte immer das Gefühl, dass hier zwei viel zu unterschiedliche Partner zusammenspielen.

Schließlich möchte ich noch auf die späten, von Krankheit beeinträchtigten Aufnahmen zu sprechen kommen, die sich in zwei deutlich voneinander abgegrenzte Bereiche teilen:

Die Aufnahmen für Altarus, bei denen sich Ogdon offensichtlich in einer inspirierenden Umgebung befand: Busoni, Bach-Busoni, zwei Recitals und, natürlich, Sorabjis „Opus Clavicembalisticum“, seine letzte Aufnahme.

Und die Aufnahmen für ASV, EMI und Collins, bei denen Ogdon den Versuch unternahm, nochmals das gesamte Klavierwerk von Rachmaninow aufzunehmen.

Diese Aufnahmen sind sehr ungleich, geniale Momente stehen direkt neben fast schon hilflosen Versuchen, dem Text gerecht werden.

Ich bin in Bezug auf diese Aufnahmen sehr gespalten: Zum einen sind es natürlich Dokumente eines Pianisten, zum anderen frage ich mich immer wieder, ob man ihm mit der Veröffentlichung einen Gefallen getan hat.

John Ogdon verstarb am 1.August 1989 52-jährig in London an den Folgen einer Lungenentzündung.

Doch bis heute wühlt mich das Konzerterlebnis des 14.Juli 1988 zutiefst auf.

Shortcut: Mein iPad im Konzert-Rucksack, wie er sich nach vielen Jahren on the road herauskristallisiert hat:

iPad mit geladenem Akku, Pencil, allen benötigten Noten in der App und überprüfter Synchronisation (dazu genügt es in meinem Falle, NewZik im heimatlichen WLAN kurz zu öffnen)

Reserve-iPad mit geladenem Akku und Pencil (auch dieses synchronisiert, natürlich)

Starkes, schnelles Ladegerät

Kleines, leichtes Reserve-Ladegerät

Bluetooth-Kopfhörer (immer nützlich)

Blätterpedal, geladen (Übrigens hält dieser Akku sehr lange durch, die angegebenen 30-40 Betriebsstunden erscheinen mir realistisch)

2 USB C-Kabel (eines kann immer kaputtgehen..)

Handy mit synchronisiertem Newzik. Da meine iPads reine WLAN-Modelle sind, gehe ich auch mit dem Hotspot des Handys ins Netz, das verbraucht Strom, deswegen…..

Ladekabel fürs Handy (..und ich freue mich schon darauf, diese Zeile irgendwann einmal löschen zu können, wenn alle Handy mit USB C laden…)

Für Aufnahmen: Ein offener, kabelgebundener Kopfhörer (kein teures Luxusgerät, muss nur bequem sitzen und eine 6,3mm-Klinke haben)

Handtuch (50×100) zum Zusammenrollen, falls ich das iPad doch in den Flügel legen möchte – neben klanglichen Vorteilen sieht man so übrigens den Dirigenten oder auch Kammermusikpartner sehr viel besser…

Falls es ins Ausland geht: Passende Steckdosenadapter!

Paul Dan (1944-2023) – unsterblicher Lehrer und Freund

Es ist schon wieder fünf Jahre her und erscheint mir doch wie gestern, als ich die Laudatio für Paul anlässlich seiner Verabschiedung an der Mannheimer Musikhochschule halten durfte.

Wir alle wussten um seine Krankheit, die ihm so früh die Tasten aus der Hand genommen hat – und doch hielt ich ihn immer für unsterblich!

Nun ist er gegangen, und ich habe beschlossen, meinen Text aus dem Jahr 2018 umzuarbeiten, obwohl…ein Nachruf? 

Auf Paul?

Ich kann mir gut vorstellen, wie er an seinem Flügel auf Wolke sieben sitzt, Schubert spielt, den Kopf schüttelt und sagt: „Nun nehmt das mal alles nicht so furchtbar ernst!“

Nein, viel eher warte ich darauf, dass er um die Ecke kommt, kurz den Text überfliegt und sagt: „Das ist ja FURCHTBAR! Das hat doch wirklich noch viel Zeit!“

Denn das erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an ihn denke, ist sein Lachen, sein ansteckendes Lachen, dass er so oft im Gesicht hatte – wohl wenige Musiker können von sich sagen, mit so viel Spass und Vergnügen an die Musik herangegangen zu sein wie Paul, wer könnte etwa vergessen, wie er aus dem letzten Satz von Poulencs „Napoli“ ein fröhliches, lautes, bacchantisches Fest machte – um dann im Mittelteil plötzlich ganz still, ganz fern und verloren nie gehörte Klänge aus dem Flügel zu zaubern.

Paul Dan, Jahrgang 1944 war Schüler von Joseph Willer, Ella Philip, Georg Halmos und Florica Musicescu, der Lehrerin von Dinu Lipatti und Radu Lupu und studierte in Klausenburg und Bukarest. 1968 gewann er den Förderpreis des Bach-Wettbewerbs in Leipzig und konnte seine Ausbildung bei Hugo Steurer in München fortsetzen, die er mit Auszeichnung abschloss. Seit 1973 war er Gastprofessor in Tokio, seit 1978 war er Professor für Klavier und Kammermusik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim, von der er sich 40 Jahre später, 2018, verabschiedete.

Als Solist trat er unter anderem mit den Wiener Symphonikern, den New Japan Philharmonics, dem Tokyo Symphony Orchestra und dem Tokyo Metropolitan Orchestra auf. Daneben bildete die Kammermusik einen Schwerpunkt seiner Aktivitäten. 

1996 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Konzertleben zurück und wirkte seitdem ausschließlich als Lehrer, worauf ich zunächst eingehe:

Beginnen möchte ich mit zwei Zitaten seiner Schülerin Friederike Bischoff, die heute an der Hochschule in Tromsö/Norwegen lehrt:

„Man kann diese Stelle stundenlang, tagelang üben und es ist trotzdem Zufall, ob sie klappt – oder man lässt diese verdoppelte Oktave weg und kann sie sofort sauber spielen – das musst Du jetzt selbst entscheiden!“

und:

„Inspirierend, offen und niemals Grenzen setzend.“

Es gibt im Grundsatz zwei Sorten von Lehrern: Jene, deren Schüler blind jeden Ratschlag befolgen, geradezu abhängig werden von ihnen um dann nach Abschluss des Studiums in ein tiefes Loch zu fallen, weil ihnen plötzlich das stützende Gerüst fehlt. 

Einer dieser Lehrer, eine damals sehr berühmte pädagogische Koryphäe, hat mir übrigens kurz vor dem Studium bescheinigt, ich sei gleichermaßen vollkommen unbegabt als Pianist wie als Musiker – horribile dictu!

Und dann gibt es jene, die ihre Schüler inspirieren, ihren eigenen Weg zu suchen, sich von Anfang an auf eigene Füße zu stellen und nicht nur die eigene Leistung, sondern auch die ihres Lehrers kritisch zu hinterfragen – keineswegs der bequemere Weg und zwar für beide Seiten!

Aber, auf lange Frist gesehen, der einzige Weg, der dem Schüler wirklich den Weg nicht nur durch den Beruf, sondern auch durch das Leben weist, bei dem der Lehrer sich nicht durch den Schüler definiert, sondern sich diesen seinen eigenen Weg suchen lässt – auch mit allen in dem Moment nötigen Irrwegen und durch alle Dickichte hindurch!

Selbst wenn der Schüler das Gefühl hat, sich eine neue Inspiration suchen zu müssen, nach neuen Ideen aus einer Sackgasse suchen zu müssen, in die er sich vielleicht auch aus eigener Blindheit – das Brett vor dem eigenen Kopf ist einem ja bekanntlich immer am nächsten – verrannt hat, sollte der Lehrer trotzdem aus einer gewissen Distanz immer zugewandt bleiben, auch der Lehrerwechsel könnte ja ein Irrweg gewesen sein, wir reden hier ja nicht von Ehebruch, auch wenn manche diesen anscheinend als weniger schlimm als einen Lehrerwechsel wahrnehmen….

Eine für ihn sehr bezeichnende Episode ist diese: Als er einmal ein Repertoiresemester nahm, holte er als seinen Vertreter nicht etwa einen Freund oder jemand, wie der für ihn von Vorteil sein könnte sondern: Michael Ponti. 

Der amerikanische Pianist, damals immer noch auf der Höhe seiner Berühmtheit, fiel in die Klasse ein wie ein Wirbelwind! Das klangliche Spektrum wurde noch einmal erweitert, bis hin zu dem berühmt gewordenen, mit unnachahmlichem Louis Armstrong-Reibeisen untermalten: „Hier, diese Melodie in der Mittelstimme, die müssen Sie ballern, mit dem Daumen, sonst hört man das nicht!“

Ein großes Erlebnis, unverzichtbar und unvergessen!

Es sei nur am Rand angemerkt: Es war eine vollkommen andere Hochschule als heute, es gab etwa halb soviel Studenten – aber neun Klavierprofessoren! Der Umgangston war ein ganz anderer, der Kontakt untereinander auch – es wäre undenkbar gewesen, nicht in den Klassenabend der Studienkollegen zu gehen…tempi passati, leider, denn früher war zwar nicht alles besser – aber vieles war gut!

Ich gestehe es hier offen ein: In meiner ungewöhnlich langen Zeit mit Paul Dan – mit der bereits angeführten Unterbrechung waren es insgesamt dreizehn Jahre! – habe ich nicht alles gleich verstanden, habe viele Anregungen in dem Moment nicht einmal als solche wahrgenommen, habe ihn gewiss auch des öfteren durch mein Unverständnis verletzt.

Zum Teil spielte hier sicherlich meine Jugend eine Rolle: Kierkegaards „Don Juan als philosophisches Paradigma“ und Alice Millers „der gemiedene Schlüssel“ waren Literaturempfehlungen, bei denen er gewiß für einen kurzen Moment vergaß, daß ich erst vierzehn Jahre alt war. Doch mit welchem Genuss, mit welcher Begeisterung habe ich diese Lektüre sehr viel später verstehen können!

Paul Dans Unterricht fand keineswegs immer am Instrument statt: Wie oft habe ich mit ihm im Café um die Ecke gesessen und wie unendlich viel habe ich dabei gelernt, über den Klang am Klavier – ein zentraler Punkt seines Unterrichts, der Dirigent, der mir einmal bescheinigte, bei mir klinge das Instrument immer ein wenig besoffen weiß bis heute nicht, welch großes Kompliment er mir gemacht hat – , über Werke, über Sekundärliteratur, über das Leben mit der Musik und den Beruf des Musikers. Ich  könnte heute mit Sicherheit niemals Vorlesungen über Literaturkunde halten, hätte, um nur ein Beispiel unter sehr(!) vielen zu nennen, wohl nie das Klavierkonzert von Arnold Schönberg gelernt, hätte mich Paul Dan nicht zu immer neuer Neugier angestiftet.

Doch auch von seiner Geduld, seinem Langmut gegenüber einem schwierigen, autistischen Kind aus einer komplizierten Musikerfamilie soll hier berichtet werden. Mit 15 verschwand ich einmal ohne größere Erklärungen seitens meiner Eltern für drei Monate – in der ersten Stunde danach war er unverändert wie eh und je.

In meinem zweiten Studienjahr packte mich plötzlich das Fernweh und ich ging zum Studium nach München, noch dazu bei einem seiner ehemaligen Studienkollegen – er fand die Idee großartig!

Nach zwei, sehr diplomatisch ausgedrückt, unglücklich verlaufenen Jahren fragte ich ihn vor Angst schlotternd, ob er noch einen Studienplatz für einen verunglückten Rückkehrer frei hätte – er zögerte keinen Moment!

Nur dass ich den Spaß am Klavierspielen, am Musikmachen überhaupt erst wieder finden musste, das war Ausgangspunkt langer, fassungsloser Diskussionen……

Berichtet werden soll hier auch von der unendlichen Geduld, mit der er einem zwölfjährigen (sic!) mit großer methodischer Souveränität pianistische Grundlagen erklärte, wobei er nebenbei noch meine Versuche ertrug, Beethovens „Appassionata“ und das erste Tschaikowsky-Konzert zu spielen – was man mit 12 Jahren halt so im Kopf hat. Triller, Oktaven,Passagen, Anschlagsarten, klangliche Balance waren für Monate mein täglich Brot, dass er mit niemals nachlassender Intensität bearbeitete.

Nebenbei gab es noch ganz praktische Anwendung trockener Materie: Kontrapunkt wäre mir bis heute ein Fremdwort, hätte ich ihn nicht als Zwölfjähriger am Beispiel der c-moll-Fuge aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers erklärt bekommen – sehr viel gründlicher, methodischer und fassbarer übrigens als in jeder späteren Vorlesung….

Formanalyse, einmal erklärt am Beispiel der „Appassionata“, ist mir seitdem beim täglichen Üben in Fleisch und Blut übergegangen – nur in der Formenlehre-Vorlesung verstand ich sie plötzlich nicht mehr, aber das ist eine ganz andere Geschichte….

Das besondere an diesem Unterricht war vor allem dies: War der kurzfristige Erfolg im Unterricht vielleicht nicht immer sofort sichtbar, so groß war er es auf lange Frist gesehen. Bis zum heutigen Tag begleitet mich sein Ethos der Musik gegenüber, gehen mir Sätze aus seinem Unterricht durch den Kopf und helfen mir immer wieder aufs neue, pianistische Probleme zu lösen, Musik zu verstehen, Inspiration in einem ungeliebten Werk, das nichtsdestotrotz gelernt werden muss, zu finden, Werke aus dem langjährigen Standardrepertoire immer neu zu erfinden – und meine letzte Klavierstunde bei ihm liegt immerhin 25 Jahre zurück!

Noch ein Ausspruch, der von vielen seiner Schüler kommt: „Niemand hätte mich besser auf den Beruf vorbereiten können – auch wenn ich das damals nicht gemerkt habe!“

Einen Teil seiner Persönlichkeit haben leider sehr viele nie erlebt – den Pianisten!

Paul Dan war ein Pianist, der mit Leichtigkeit ein großes und vielseitiges Repertoire pflegte. 

Ich erinnere mich – und niemand, der dabei war, wird diesen Abend je vergessen – an sein Antrittskonzert im Dezember 1980, bei dem er Ravels „Gaspard de la nuit“ und Liszts Sonate h-moll wie aus dem Moment heraus erschuf, besonders aber an die kleine A-Dur-Sonate von Franz Schubert (D 664), die so vermeintlich harmlos den Abend eröffnete, um dann im langsamen Satz in die klangliche Unendlichkeit einzutauchen. 

Ich erinnere mich an eine wilde, berauschende, bunte „Napoli“-Suite von Francis Poulenc, Liszts „Csardas macabre“, der wirklich wie die Beschwörung der Hölle klang, an die für mich bis heute auf einsamer Höhe stehende Darstellung der Rachmaninowschen Corelli-Variationen – und ich habe meine Hausaufgaben durchaus gemacht, ich verfüge über fast alle Aufnahmen dieses Werks! – , denen er in überlegener Weise formale Logik verlieh, ohne dabei jemals an musikalischem Schwung oder musikalischer Freiheit einzubüßen.

Die Cellosonaten von Beethoven, die er mit meinem Vater am Cello mit soviel Temperament wie inniger Versenkung interpretierte.

Nicht zuletzt Joseph Haydn, dem er den „Säulenheiligen“ gründlich austrieb, den er mit großem Witz, Verve und steter Begeisterung spielte.

Das 4.Klavierkonzert von Beethoven, dass er mit bezwingender musikalischer Intensität erfüllte und, natürlich, das aufwühlende Urerlebnis des Konzerts für die linke Hand von Ravel, dass ich nie wieder in dieser überwältigenden Mischung aus klanglicher Gewalt, pianistischem Können und musikalischem Zauber gehört habe.

Nicht nur bekanntes fand sich im Repertoire: Die konzertanten Divertimenti von Hans Vogt – nach ihm ist der Saal im Altbau der Musikhochschule in Mannheim benannt, er war dort lange Kompositionsprofessor –  seien hier genannt, die Rapsodia sinfonica von Joaquin Turina oder – damals ein viel obskureres Werk als heute! – das Klavierkonzert von Antonin Dvorak. Bis heute bekomme ich beim Gedanken an das Hauptthema aus seinen Händen eine Gänsehaut!

Doch all dies ist Schall und Rauch gegen den Klavierabend, der Paul Dans letzter werden sollte, bei dem er im frisch renovierten Hans Vogt-Saal Schuberts letzte Sonate in B-Dur und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ spielte.

Zu erklären, in welcher Weise Paul Dan in der Schubert-Sonate an diesem Abend an letzten Dingen rührte, gliche dem Versuch, einen Kometen mit einem Schmetterlingsnetz einzufangen. Nie wieder – auch nicht bei einem Sokolov oder Richter, dem ich einige Male umblättern durfte – habe ich solche Klänge aus einem Flügel kommen hören, alleine der Übergang in die Durchführung des ersten Satzes war, als bliebe die Zeit für einen sehr, sehr langen Moment einfach stehen. 

Das Erlebnis dieses Abends hat mich selbst am Klavier sehr lange von Schubert ferngehalten – solche Höhen schienen ohnehin unerreichbar, doch das lange Warten hat sich gelohnt, kann ich doch heute an Schubert mit einer durch lange Jahre gewachsenen Gewißheit heran gehen, auch hier also wieder ein pädagogischer Erfolg auf sehr lange Sicht…..

Ich bin dankbar, daß ich diesen Abend erleben durfte, der mich im innersten berührt hat wie wirklich kein anderes Konzert seitdem, und unendlich dankbar für all die Musik, die ich durch ihn kennen und lieben lernen durfte.

Nach all diesen Jahren, für mich 43 Jahre mit einem grossen Musiker, Lehrer und Freund, verneige ich mich unter Tränen in grosser Dankbarkeit vor Paul – obwohl ihn ihn sehr laut sagen höre (und alle, die ihn kannten, wissen, was ich meine!) „Aber, das ist ja furchtbar!“

Kultur – ein Luxus? Nein, ein Menschenrecht!

Wir befinden uns nun im achten Monat der Pandemie, einer Pandemie, die uns sehr viel länger beschäftigt, als wir alle anfangs wahrhaben wollten und für viele Kulturtreibende, insbesondere natürlich die Selbstständigen, ist die Lage mittlerweile sehr ernst.
Immer mehr von ihnen beginnen, sich beruflich neu zu orientieren, sich Alternativen zu suchen, neue Wege zu beschreiten, bevor die Demütigungsmaschinerie Hartz 4 sie verschlingt.

Doch auch die Festangestellten spüren mittlerweile, wie ihnen die Lage immer mehr entgleitet.

Wie sich in den letzten Wochen gezeigt hat, hilft es absolut nichts, wenn wir uns in aller Breite in unserer Social Media-Blase auskotzen – das nehmen nicht nur die Politiker sondern auch die meisten Menschen da draussen gar nicht wahr, wir kreisen nur verbal um uns selbst.

Ich bin persönlich auch nicht im geringsten überrascht von der Unkenntnis der Verhältnisse, der Lebensrealitäten der Kulturschaffenden seitens der politischen Klasse – der Bundestag besteht zu fast der Hälfte aus nur drei Berufsgruppen: Anwälte, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, also Berufen, die von unserem Alltag auch finanziell gar nicht weiter entfernt sein könnten.

Ebensowenig ist es hilfreich, der Gesellschaft mit Liebes- , sprich: Musikentzug zu drohen: Die einzigen, die wir damit bestrafen sind diejenigen, die in besseren Zeiten unsere Veranstaltungen besuchen!

Das einzige, dass wir nun noch aus eigener Kraft tun können, ist, zu zeigen dass wir immer noch da sind!

Dass wir relevant nicht nur im Leben unserer Fans sind, sondern relevant für eine Gesellschaft, die sich einmal durch Bildung und Kultur definiert hat, seit den katastrophalen „Reformen“ des Jahres 2003 jedoch immer weiter auseinanderdriftet, immer mehr zu einem brutalen jeder-gegen-jeden verkommt.

Denn hier liegt das große, das zentrale Problem unserer Gesellschaft: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Gesellschaft sich genau dahin entwickeln, wo sich die USA ausweislich der Vorgänge rund um die 2020er Wahl bereits befinden: Auf dem Weg zurück ins finstere Mittelalter, in eine Gesellschaft ohne Bildung, ohne Kultur, ohne jegliche Empathie und vor allem ohne etwas, das vielen nicht einmal mehr als Wort ein Begriff ist: Herzensbildung.

Denn was ist der Mensch ohne höhere Bildung, ohne Kultur, ohne all das schöne im Leben?
Gewiss, er kann existieren. Aber was ist das für eine Existenz, die das Schöne nicht mehr kennt, all das, was unser Leben besonders, einzigartig macht, die ihre Berechtigung nur noch nach wirtschaftlichem Erfolg, nach Statussymbolen bemisst?

Längst bewegen wir uns in Deutschland mit Siebenmeilenschritten in diese Richtung, wird zum Beispiel Kindern arbeitsloser Eltern ein höherer Schulabschluss verweigert, weil sie möglichst rasch dem Arbeitsmarkt (lies: dem Niedriglohnbereich) zur Verfügung stehen sollen.

Doch nicht nur dies: Schon in der Kindheit wird eben diesen Kindern der Zugang zur Musik verweigert, weil der Musikunterricht immer mehr zum Auslaufmodell wird, weil Musik im öffentlichen Raum immer öfter zu billigster Unterhaltung verkommt.

Doch was könnte wichtiger sein, als Kindern alle Möglichkeiten der Bildung in allen Bereichen, also auch der kulturellen Bildung zu bieten?

Es sei hier eine persönliche Anmerkung gestattet: Ich stamme aus einer, vorsichtig ausgedrückt, komplizierten Familie.
Die Musik war mein Lebensretter, mein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte in den verzweifelten, hoffnungslosen Momenten meiner Kindheit.
Ohne Musik wäre mein Heranwachsen überhaupt nicht denkbar gewesen – und es ist ja nicht so, dass die Lebensumstände der heutigen Kinder einfacher geworden wären, verglichen mit den 70er Jahren, in denen ich Kind war…..

So bin ich der festen Überzeugung, dass es unsere Aufgabe ist, die Untrennbarkeit von Bildung und Kultur wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern – und wir werden es zu Fuss tun müssen, denn wenn wir uns dabei auf unsere Politiker verlassen…..an dieser Stelle versage ich mir zu schreiben, was ich denke!

Und wir, wir alle müssen uns unseren Platz in der Mitte der Menschen wieder erobern, müssen nah bei den Menschen sein, nah bei ALLEN Menschen, unabhängig von Herkunft oder gesellschaftlicher Position.

Denn die Agenda 2010 hat ein gesellschaftliches Vakuum geschaffen, die Gesellschaft in Deutschland tief gespalten in verschiedene Gruppen, die in ständiger Unsicherheit um ihren Platz in der Gesellschaft und ihr kleines privates Stück vom Glück leben.

Und genau hier liegt nun, nein, nicht unsere Chance, sondern unsere Pflicht!
Denn unsere Pflicht, unsere Aufgabe als Musiker ist es, zu geben.

Wir sind diejenigen, die die Lebenswirklichkeit schön, oder wenigstens hin und wieder erträglich machen können, wenn es mal wieder besonders schlimm ist; die den Menschen vermitteln können, dass es da draussen in all dem Chaos eben doch noch etwas schönes gibt, dass einem wieder Mut gibt, weiterzumachen!

Und nicht nur sind wir viele, nicht nur sind wir ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – wir sind diejenigen, die den Menschen jenes Glück geben können, dass ihnen in ihrem Alltag immer mehr vorenthalten wird, in einem Alltag, der immer mehr zu einem nicht enden wollenden Rennen ums Überleben wird.

Und wenn wir es nicht tun? Dann gibt es da draußen immer noch Netflix, Spotify, YouTube, Apple Music, Amazon Music und viele andere, die längst ein gnadenloses Zerstreuungskartell gebildet haben.

Lasst uns also alle zusammen aus dieser Welt eine bessere machen, auch wenn wir dabei immer wieder auf Widerstände stossen werden – das Ziel ist viel zu gross, um sich von den Dornen auf dem Weg aufhalten zu lassen!

Kai Adomeit, 09.11.2020

Wenn ich zurückblicken werde..

Diesen Text schrieb ich einem guten Freund Mitte März 2020, ganz zu Beginn der Corona-Massnahmen, als wir alle noch kaum etwas über die Bedrohung wussten.

Manchmal blicke ich ein bisschen voraus: Durch meine Korrespondenz mit Apple-Entwicklern in Asien gewarnt, wies ich diesen Freund daraufhin, wir müssten uns Gedanken darüber machen, wie wir als Musiker auf den heraufziehenden Sturm reagieren sollen – dies Anfang Januar 2020, und sein Blick verriet deutlich, dass er mich damals doch für ein wenig paranoid hielt.

Wer konnte ihm dies zum damaligen Zeitpunkt auch verdenken!

Hier nun also der Text, der mir gestern wieder in die Hände fiel….:

Wenn ich zurückblicken werde im Frühling 2021…

…dann werde ich auf eine Welt blicken, die sich verändert hat – oder eben auch nicht!

Denn nichts ist stärker als die Gier des Menschen. Stärker als der Selbsterhaltungstrieb und, oh ja, stärker als jeglicher Ehrgeiz, Dinge zum besseren zu wenden.

Denn ich blicke jetzt schon auf eine Welt, in der ein mehrfacher Milliardär die Politik erpresst, ihn mit Subventionen für seine Kaufhauskette (die er praktisch geschenkt bekommen hat) zu überschütten, da er sonst wirklich keine liquiden Mittel mehr hat, die Mieten für seine Kaufhäuser zu bezahlen.

Auf eine Welt, in der bedenkenlos Gesundheitssysteme kaputtgespart wurden – nicht nur in England, sondern überall! – , weil man die Bereiche, die das System früher finanziell am laufen hielten, an Aktienfonds verkauft hat, um vor einer anstehenden Wahl kurz die Steuern senken zu können – allerdings nur zum Vorteil derer, die sich ohnehin eine luxuriöse private Krankenversorgung leisten konnten.

Eine Welt, in der sich ein Milliardär die amerikanische Präsidentschaft gekauft (nicht nur er – ich kenne einen deutschen MdB, der sich seinen Sitz im Bundestag erkauft hat) und mitten in der Krise versucht hat, sich die exklusiven Patentrechte für einen möglichen Corona-Impfstoff zu sichern.

Soll doch die Welt zusammenbrechen, ich verdiene an jeder Impfung!

Auf eine Welt, in der die politischen Entscheidungsträger aus Bequemlichkeit oder auch aus purer Inkompetenz keine Entscheidungen treffen, ausser natürlich der jährlichen Entscheidung über ihre Diätenerhöhungen.

Eine Welt, in der die Menschen auf jeden selbsternannten Propheten aus dem Internet hören, nur weil er ihnen die Rückkehr zum gewohnten, alltäglichen verspricht – denn ihnen wurde ja jegliche Möglichkeit genommen, sich umfassend zu informieren, sich weiterzubilden, ihren Intellekt zu schärfen, indem man sie rund um die Uhr mit völlig sinn- und wertfreier Billigstunterhaltung zuschüttet.

Der einzig belustigende Nebeneffekt dabei: Die Leute sind inzwischen so uninformiert, leben so sehr in ihrer eigenen Gedankenblase, dass sie mittlerweile nicht einmal mehr wissen, wo sie bei der Wahl das Kreuz machen sollen und auf jede „Alternative“ hereinfallen, Hauptsache, sie schreit laut genug!

Auf eine Welt, auch das, in der jede aufgeklärte, sachlich argumentierende Stimme sofort niedergebrüllt wird, denn ein ungepflegter Fünftagebart ist natürlich in jedem Falle ein Zeichen größerer Kompetenz….

Eine Welt aber, und dies vor allem, die, sobald die Wirtschaft mit finanziellen Einbussen droht, sofort nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz schreit, jedes noch so fadenscheinige Argument, jede noch so plump gefälschte Statistik ist hier recht!

Denn es geht ja um die großen Werte des Menschen: Mein BMW! Mein Haus! Mein Handy!

Dass es der Wirtschaft um die wahrhaft großen Dinge geht ist da natürlich beruhigend: Mein Schloss! Meine Ferrarisammlung! Meine Insel in der Südsee!

Nur am Rande: In Deutschland sind 780.000 Menschen obdachlos. 

In einem Land, in dem es 126 Milliardäre gibt…..

Aber zurück ins Jahr 2021: Denn ich werde mit großer Sicherheit zurückblicken auf eine Welt, die absolut nichts gelernt hat.

Denn natürlich müssen nach dem Wirtschaftseinbruch zunächst einmal die Industrien wieder hochgepäppelt werden, schließlich war dort nie genug Geld da, um Rücklagen zu bilden! Seit Steinbrücks Steuerreform übrigens auch nicht, um in Deutschland Steuern zu zahlen, die Subventionen müssen nun wirklich die Arbeiter mit ihren Steuern finanzieren, die sie dann nicht auf ihrem Lohnzettel wiederfinden.

Gewinne sind immer willkommen! Verluste allerdings…da ist der Sozialismus dann ganz recht.

So wird also kein Geld da sein, um endlich den wahren Helden unserer Zeit, den Krankenschwester, den Altenpflegern, den Verkäufern im Supermarkt faire Löhne zu bezahlen.

Es wird kein Geld da sein, um die über Jahre kaputtgesparte Gesundheitsstruktur wieder aufzubauen und es wird kein Geld da sein, die von der Wirtschaft so gern bis an die Grenzen ausgenutzte Infrastruktur zu sanieren.

Vor allem aber, und dies nicht zuletzt: Es wird wohl weder Zeit noch Geld übrig sein, um über die wahren Lehren aus all dem zu reden, über den Verfall der Gesellschaft, über Moral und Anstand.

Denn dies wäre das Ende für all jene, die sich im System auf Kosten der Masse sehr bequem eingerichtet haben und nichts mehr fürchten als das Ende der Niedriglöhne!

Man stelle sich nur eine Gesellschaft aus aufgeklärten, Bildungs- und Kulturhungrigen Menschen vor, die den Dingen auf den Grund gehen, Massnahmen informiert hinterfragen und ihren Politikern und Wirtschaftsführern immer wieder mal sanft, aber bestimmt auf die Finger klopfen.

Das gab es schon, werden Sie sagen?

Ganz richtig, man nannte es Bildungsbürgertum, und für eine gewissen Zeit sorgte es tatsächlich für jenes Aufblühen, aufgrunddessen man Deutschland immer noch „Land der Dichter und Denker“ nennt.

Tempi passati – die Gier nach Besitz ist wohl einfach stärker, als die Gier nach Weiterentwicklung.

Darum, so fürchte ich, werde ich im Frühjahr 2021 auf ein Land zurückblicken, in dem sich nichts zum besseren, vieles aber zum schlechteren gewandelt haben wird.

Warum „Nachts in der Philharmonie“?

Warum „Nachts in der Philharmonie“?

Meine Reihe von täglichen Videos aus der Philharmonie in Ludwigshafen verdankt ihre Existenz im Grunde einer Reihe von Zufällen.
Die ursprüngliche Idee war die, während der umbaubedingten Schliessung des Probensaals im Foyer Musik zu machen, um ein Zeichen zu geben, zu zeigen, dass das Orchester zwar ausgeflogen ist, das Gebäude aber trotzdem nicht verstummt.
Aufnahmen sollten nur ab und zu als Nebenprodukt entstehen – dann kam Corona…..

Die ersten zwei Wochen des Lockdowns waren eine bleierne Zeit, doch wurde mir bald klar, dass ich nicht einfach nichts tun kann.

So fing ich mit den ersten Aufnahmen an, zunächst konnte ich mir aussuchen, ob ich lieber einen verstimmten oder einen Flügel mit neuen, viel zu harten Hammerköpfen nutzen wollte, nachdem diese Hindernisse aber aus dem Weg geräumt waren, spielte sich dann bald eine gewisse Routine ein – „Nachts in der Philharmonie“ (dass bald „Keys to the Music“ heissen wird) war geboren!

Seitdem sitze ich alle 3-4 Tage spät Abends (es muss draussen dunkel sein, sonst stimmt das Licht nicht) im Foyer und nehme ein paar kurze Stücke auf, oft Sachen, die ich im normalen Konzertbetrieb nicht unterbringe, weil sie zu unbekannt oder, auch das, nicht für einen normalen Konzertabend geeignet sind, wie zum Beispiel die Springtime Suite von Eric Coates – wunderschöne Musik, ich liebe diese englische Zu-Spätromantik!
Aber eben schwierig in ein normales Programm einzupassen.

Mir ist durchaus klar, dass ich mich dem zur Zeit weit verbreiteten Vorwurf aussetze, unentgeltlich Musik zu machen, meine Kunst zu entwerten.

Nun, zunächst einmal ist das, was ich da tue, mit einem herkömmlichen Konzert überhaupt nicht vergleichbar, weder programmatisch, noch von der ganzen Atmosphäre her.

Dann ist aber auch im Laufe der letzen Wochen (heute ging Nr.65 ins Netz) etwas gewachsen, das einen leisen,aber stetigen Widerhall findet. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine mail oder eine Nachricht auf Facebook bekomme, die sich auf meine Aufnahmen bezieht, sogar Freundschaften sind entstanden.

Dann aber auch dies: Ich muss das einfach tun.
Es ist schwer zu erklären und klingt gewiss für manchen wie das Eingeständnis persönlichen Wahnsinns, aber ich muss Musik machen.
Denn ich weiss viel zu gut, wie es ist, dazu körperlich nicht in der Lage zu sein, sich aber nichts so sehr zu wünschen, wie Klavier spielen zu können.

Für mich ist das Getrenntsein von der Musik wie der Verlust der Fähigkeit, zu atmen, vielleicht sogar schlimmer.

So habe ich beschlossen, die Reihe weiter und immer weiter zu führen, auch wenn die Bedrohung eines Tages vorbei sein wird und wir alle wieder ganz normal ins Konzert gehen können – Literatur gibt es genug, ich bin seit vielen, sehr vielen Jahren ein fanatischer Notensammler!

50mal „Nachts in der Philharmonie“ – Ein Gespräch

Dieses Gespräch mit James Clark (Malibu Times) war eine Überraschung und fand völlig unvorbereitet am 23.Mai 2020 statt

JC: Kai Adomeit, 50 mal „Nachts in der Philharmonie“ – ist jetzt, da die ersten Corona-Lockerungen Hoffnung machen, das Ziel erreicht?

KA: Einerseits ja, andrerseits definitiv nein! Ja, weil ich es geschafft habe, mich seelisch über die bleierne Zeit zu retten, indem ich mich in die Musik und ins Üben gestürzt habe, nein, weil ich Geschmack an dieser Form der musikalischen Selbstdisziplin gefunden habe.

JC: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen?

KA: Nicht durch Corona! Eine ganz ähnliche Idee hat mich schon seit längerem beschäftigt, aber ich fand nie die Zeit oder die Kraft, wirklich zu beginnen…..

JC: ….weil Sie beruflich so stark eingebunden sind?

KA: Definitiv. Ich habe im letzten Jahr sehr viel im Orchester gespielt, auch Projekte, für die ich sehr viel arbeiten musste und kam einfach nicht dazu, etwas für mich selbst zu tun. Im April diesen Jahres hätte das alles in einigen so anstrengenden wie wundervollen Projekten – unter anderem einer Aufführung des fünften Brandenburgischen Konzerts von Bach auf dem Klavier unter der Leitung von Michael Francis – kulminieren sollen – dann kam Corona……

JC:….das Sie vorausgeahnt haben? Stimmt das?

KA: Natürlich nicht!

Aber Sie wissen ja, dass ich seit vielen Jahren in der Apple-Entwicklergemeinde unterwegs bin. Die Nachrichten, die schon im Dezember aus China kamen, liessen keinen anderen Schluss zu als den, dass da eine potentielle Katastrophe auf uns zurollt.

JC: Und in dem Moment wussten Sie, wie „Nachts in der Philharmonie“ aussehen würde?

KA: Das wusste ich schon lange davor! Seit letztem Herbst wird der philharmonische Probensaal umgebaut und ich hatte immer geplant, während der Auslagerung des Orchesters Musik im Foyer zu machen, um dem Publikum zu signalisieren: „Das Orchester kommt bald zurück und selbst jetzt wird es nicht ganz still im Haus!“ Aber ich kam einfach nicht dazu!

JC: …und dann kam im März die Zwangspause?

KA: Ja. Zwei Wochen lang fühlte ich mich etwa so, als wäre ich in voller Fahrt frontal in eine Betonwand gefahren. Alles war wie mit Blei beschwert. Und dann fielen plötzlich alle Puzzlesteine in meinem Kopf in der richtigen Reihenfolge zusammen!

JC…und Sie fingen an, aufzunehmen!

KA: Fast. Die technischen Voraussetzungen hatte ich schon länger in der Hand, allerdings musste ich das Format noch entwickeln – einige bei Tag aufgenommene Videos waren optisch arg reizlos – und mich um die Instrumente kümmern.

JC: Gibt es denn in der Philharmonie Ludwigshafen keine Flügel?

KA: Oh, ganz im Gegenteil! Aber das Konzertinstrument des Orchesters, ein Steinway-Konzertflügel, war ziemlich verstimmt und mein eigenes Instrument, ein Schimmel K 230, hatte gerade neue, sehr harte Hämmer bekommen.

JC: Das heisst?

KA: Ich musste zunächst einen Stimmer finden, der in der Krise arbeitet, da sowohl mein üblicher wie auch der Stimmer der Philharmonie beide schon rein vom Alter in die Hochrisikogruppe fallen – anfangs galten ja vor allem Männer über 50 als extrem gefährdet, das Risiko geht man nicht ein, nur, weil man gerne seinen Flügel gestimmt hbekommen würde!
Dann musste ich die Hämmer in meinem eigenen Instrument im Schnelldurchgang weichklopfen in der Hoffnung, möglichst bald einen Techniker zu finden, der sich dann mit der Intonation der Hämmer beschäftigen würde.
Darum werden Sie in den ersten 20 Videos feststellen, dass ich nicht nur ein anderes Instrument spiele, sondern dieses auch anfangs noch etwas verstimmt ist.

JC: Sie mussten also mitten in der Krise auch noch investieren?

KA: Das ist das falsche Wort. Je mehr ich spiele, umso häufiger brauche ich natürlich den Stimmer. Und die neuen Hämmer waren schon lange geplant, das „schlechte“ Timing war schlicht purer Zufall.

JC: Ich würde gerne auf das ungewöhnliche Repertoire eingehen, dass Sie aufnehmen. Ich habe sie ja in den USA mehrmals gehört, da ist mir diese Vorliebe für Miniaturen und Raritäten so nicht aufgefallen.

KA: Nun, die Vorliebe für versunkenes Repertoire hatte ich immer! Und was die Miniaturen betrifft: Ich hatte schon lange einen Programmentwurf mit dem Titel „Auch kleine Dinge können uns entzücken!“ aufgeschrieben, jetzt kann ich ihn in ganz anderer Weise umsetzen.
Ausserdem: Ich habe die Zeit nicht, die Videos aufwendig zu schneiden und nachzubearbeiten, normalerweise nehme ich einfach mehrere Takes auf und hoffe, einen verwendbaren dabeizuhaben, was die Länge der Stücke etwas beschneidet, denn wenn Sie jedes Stück in einem Durchgang ohne Inserts aufnehmen, wird schon eine Chopin-Ballade zu einem Marathon – ich arbeite aber daran, versprochen!

JC: Sie machen also die Aufnahmen ganz alleine? Wie darf ich mir das in der praktischen Umsetzung vorstellen?

KA: Nun, für ein Aufnahmeteam fehlt mir wirklich das Geld!
Ich habe ein sehr gutes Mikrofon (Shure MV 88), das ich auf mein iPhone 11 stecke. Dieses kommt mit einem Adapter auf ein Stativ, dann bestimme ich die Perspektive, indem ich den richtigen Abstand zum Flügel suche.

JC: Und dann gehen Sie jeden Abend in die Philharmonie?

KA: Ich gestehe: Ich schummle ein wenig. Alle paar Tage setze ich mich hin und nehme mehrere Stücke auf, das macht auch die Übedisposition einfacher.

JC: Und wie kam es zu Bach?

KA: Ja…….(lange Pause)…..Bach ist für mich der größte Komponist aller Zeiten. Ich liebe seine Musik sehr, vielleicht mehr, als mir selbst bisher klar war.
Aber gleichzeitig ist seine Musik für mich mich einem schweren persönlichen Kummer belegt, einem Schmerz, den ich über viele Jahre mit mir herumgetragen habe.
Nun spiele ich ja, wie Sie wissen, überhaupt nicht mehr von gedruckten Noten, sondern nur noch vom iPad, will sagen, ich habe all meine Noten immer mit mir. Eigentlich wollte ich im Vorgriff auf meinen für die Spielzeit 20/21 geplanten Beethoven-Zyklus einige Stücke von Beethoven heraussuchen, nun liegt Beethoven alphabetisch sehr nahe bei Bach….

JC: ….und da stiessen Sie auf die Inventionen!

KA: Richtig! Vor denen hatte ich schon als Kind einen Heidenrespekt, so sehr, dass ich nie mehr als zwei gelernt habe.

JC: Sie haben nur zwei Inventionen gespielt?

KA: Richtig! Ausserdem eine Partita, zwei Präludien und Fugen, eine halbe französische Suite und die Goldberg-Variationen.

JC: Und warum jetzt ausgerechnet die Inventionen?

KA: Weil die mich zwingen, zu arbeiten! In keinem anderen Werk der Literatur wird soviel innere Selbstdisziplin verlangt, wie in diesen so einfach klingenden Stücken.

JC: Kai Adomeit, wie geht es nun weiter? Mit „Nachts in der Philharmonie“ und allem anderen?

KA: Nun – das Leben geht weiter! Zunächst natürlich einmal mit den nächsten 50 Stücken – aufgenommen habe ich tatsächlich schon bis Nummer 63 – und dann immer weiter. Es gibt nichts gesünderes, als so zum Üben, zum immer neuen Entdecken verpflichtet zu sein!

JC: Und „live“?

KA: Live geht es bald wieder mit den Kollegen von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz weiter, zunächst nur in kleiner Besetzung, aber hoffentlich eines nicht zu fernen Tages auch wieder alle zusammen – schliesslich muss ich irgendwann auch mal wieder ans Geldverdienen denken!

JC: Das heisst, „Nachts in der Philharmonie“ ist Ihr Privatvergnügen?

KA: Aber ja! Niemals hätte ich ein solches Projekt unter der Vorbedingung des Müssens angefangen, gerade durch die totale Freiheit wurde das erst möglich.
Es ist für mich schon ein großes Privileg, unter diesen luxuriösen Bedingungen arbeiten zu dürfen, ich bin sehr dankbar dafür und geniesse das sehr!

Musiker in Zeiten von Corona

Ich bin Musiker.

Ich bin Pianist und ich bin arbeitslos, weil das Coronavirus verhindert, dass ich Konzerte geben kann.

Ich kann keine Konzerte geben, nicht hier in Deutschland und nirgendwo anders, weil die Grenzen geschlossen sind, weil die Behörden Veranstaltungen verboten haben, weil Konzertsäle, Opernhäuser, Theater, Musikschulen und -Hochschulen hermetisch geschlossen sind.

An all dem aber ist nichts falsches, denn: Ich bin gesund. 

Aber: Bin ich gesund? 

Ich könnte Corona in mir tragen, ohne es zu wissen, da ja viele die Infektion ganz ohne Symptome durchmachen. 

Ich könnte in die weiterhin geöffneten Cafés und Restaurants gehen, mich unter die Leute mischen, jetzt, da ich nicht weiss, wann ich meiner Arbeit wieder werde nachgehen können, da ich es mir mal erlauben könnte, etwas weniger diszipliniert zu leben. 

Aber ich tue es nicht. 

Weil ich immer versucht habe, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein (einmal, ein einziges Mal, habe ich mich aus falsch verstandenem Pflichtbewusstein nicht daran gehalten. Meine Kollegen haben den Moment bis heute nicht vergessen, in dem ich zu Anfang einer CD-Aufnahme bewusstlos vom Klavierstuhl gefallen bin – als ich wieder wach wurde, hatte einer meine Füsse in der Hand und ein anderer versuchte, mich wiederzubeleben!). 

Auch, weil meine Gesundheit immer ein kompliziertes Thema in meinem Leben war. Also bleibe ich zu Hause, versuche, sowenig Menschen wie möglich zu treffen und so wenig Risiken wie möglich einzugehen. 

Ja, es ist hart, sehr hart! 

Auch, weil ein freischaffender Musiker wie ich nicht wissen kann, wann er wieder Geld verdienen wird, denn die Kosten – Miete, Essen, Lebenshaltung, bei vielen auch: Kredite, laufen natürlich immer weiter.

Und ich bin ja nicht allein: Meine grossartige Frau (die, nebenbei gesagt, die viel bessere Musikerin von uns beiden ist, viel disziplinierter und strukturierter, als ich es je sein werde), die eine sehr aktive, aber eben auch freischaffende Harfenistin ist, ist in gleicher Weise beruflich stillgelegt wie ich es bin.

Aber es muss eben sein.

Es muss sein, weil wir alle eine Verantwortung tragen, für unsere Partner, unsere Familien, unsere Freunde und, nicht zuletzt, für das grosse Ganze, für die Menschen, die uns umgeben, die Alten und Schwachen, die durch Corona besonders gefährdet sind.

Und wir tragen auch die Verantwortung dafür, daraus zu lernen!

Wir tragen zukünftig die Verantwortung, unsere politisch Verantwortlichen daran zu erinnern, was damals war, im Frühjahr 2020, als sich herausstellte, dass ein Gesundheitssystem durch private Shareholder und deren Renditeerwartungen eben nicht gestärkt wird, dass es keinen Sinn macht, ein Pflegesystem personell auf Kante zu besetzen, weil Gesundheitsvorsorge und Pflege im Notfall nämlich die erste Verteidigungslinie gegen das Chaos sind!

Wir tragen – ist das wirklich nur meine Meinung? – die Verantwortung dafür, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, endlich mit den ewig gleichen Lippenbekenntnissen aufzuhören und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder in Anstand und Würde leben kann und auf niemandes Gnade angewiesen ist!

Nein, ich bin kein „linker“.

Ich bin übrigens auch kein „rechter“

Noch bin ich „konservativ“ und schon gar nicht rassistisch oder ausgrenzend. Jeder Mensch – welcher Orientierung, Hautfarbe, Herkunft er auch sein mag, ist mir recht solange er mit mir in gleicher Weise respektvoll umgeht, Auseinandersetzungen über unterschiedliche Meinungen natürlich immer gerne inbegriffen!

Aber ich sehe immer mehr Flaschensammler und Obdachlose (dies ist auch statistisch bestätigt), und das ist für mich als Mensch inakzeptabel.

Machen wir also alle das beste aus dem, was uns da gerade so durchschüttelt! 

Lasst uns nach unseren kreativen Kräften suchen und in den heimischen vier Wänden nach neuen Wegen des Umgangs miteinander suchen. 

Achtet auf euch und geht achtsam miteinander um – wir sollten alle die Krise nutzen, um vielleicht auch verschüttete Kommunikationswege und vergessene Freundschaften wiederzubeleben, das verdammte Handy kann tatsächlich neben Spielen und Navigation auch noch zum Telefonieren dienen! 

Ach ja: Bei all dem geht es nicht um mich als Person. 

Ich habe in meinem Leben mehr Schmerzen, mehr Trauer und, auch das, mehr Verzweiflung erlebt, als ich es meinem schlimmsten Feind wünschen würde. 

Ich bin nicht wichtig. Aber wir alle zusammen sind es!

Ich umarme euch alle aus der Ferne!

„…steht doch alles schon drin!“

„…steht doch alles schon drin!“

Zum Tod von Siegfried Köhler

Er war eine dieser Persönlichkeiten, die zum Kulturleben in Deutschland dazugehörten wie die Noten zur Musik: Das Ehrenmitglied des VDH Siegfried Köhler.

Geboren am 30.Juli 1923 in Freiburg im Breisgau, gehörte er noch jener Dirigentengeneration an, die ihr Handwerk von der Pike auf lernte, wenn auch mit einem ganz besonderen instrumentalen Akzent denn anders als die meisten Dirigenten kam er nicht etwa vom Klavier sondern studierte an der Musikhochschule Freiburg – Harfe!

An der dortigen Oper war er denn auch bald regelmässig als Aushilfe im Orchestergraben zu erleben, bevor er 1941 als Harfenist und Solorepetitor ans Theater Heilbronn ging.

Doch auch an ihm ging der Krieg nicht vorüber, und so tauschte er den Frack 1942 für drei Jahre gegen die Soldatenuniform ein.

Aus dem Krieg zurückgekehrt entschied sich Siegfried Köhler für die Dirigentenlaufbahn, wurde 1946 Kapellmeister und 1952 erster Kapellmeister in Freiburg.

1954 verliess er seine Heimat, um als Kapellmeister zunächst nach Düsseldorf, 1957 dann nach Köln zu wechseln.

Ab 1962 war er dort als stellvertretender GMD bereits im Interim Leiter des Hauses, bevor er 1964 als GMD an das Staatstheater Saarbrücken ging, wo er auch als Professor Leiter der Dirigierklasse an der Hochschule des Saarlands wurde.

1974 wurde Siegfried Köhler dann Generalmusikdirektor des Hessischen Staatstheaters Wiebaden, dessen musikalischer Leiter er für 14 Jahre werden sollte: Die Verbindung Wiesbaden – Köhler wurde nicht nur in Insiderkreisen zu einem Synonym und bis heute hört man noch in Musikergesprächen Sätze wie „Wer ist eigentlich grad dort Chef?“ – „Jetzt? Na, früher war Siggi Köhler da…..“!

1992 dann, in einem Alter in dem moderne Dirigenten oft schon kürzer treten und sich eigentlich gar nicht mehr fest binden wurde Siegfried Köhler Königlicher Hofkapellmeister an der Oper in Stockholm. Für dreizehn Jahre wurde er dort zu einem Garant für grosse Opernabende bevor er, nun doch etwas kürzer tretend, bis in hohe Alter als reisender Gastdirigent tätig war.

Legende wurden seine Einspringer, in denen er seine ganze Routine und sein Können mit Spontaneität verband, etwa in Nizza, wo er 20 Minuten vor Beginn einer „Walküre“ eintraf und Orchester und Ensemble zu einem unvergessenen Abend mitriss.

Ich hatte das grosse Glück, Siegfried Köhler etwa ab dem Jahr 1990, selbst in der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz als Pianist sitzend, erleben zu dürfen. Hier war eine Mischung aus Musikantentum und völlig souveränem Dirigieren zu erleben die, wie ich mit den Jahren lernte, keineswegs selbverständlich war und ist. 

Ohne jegliche Allüren seinerseits – den „Professor“ verbat er sich fast, nannte ihn überhaupt ausserhalb der Probe jemand (in allem Respekt, wohlgemerkt!) anders als „Siggi“? –  ging es nur um das Werk und seine bestmögliche Umsetzung.

Manchmal war durchaus seine Ungeduld zu spüren, wenn er ein Werk dass er aus vollem Herzen dirigierte dem Orchester erst geduldig erklären musste. Wurde es dann in der Probe unruhig hob er dann doch seine Stimme und nie werde ich das Gesicht eines im Dienst schon ergrauten Stimmführers vergessen, der plötzlich ein „Kinder! KINDER! Jetzt seid mal nicht so ALBERN!“ zu hören bekam!

Ihm fiel es natürlich leichter als uns, sein berühmtes „steht doch schon alles in den Noten….!“ Und sein ebenso klassisches „leicht, Kinder, alles ganz leicht…“ sind bis heute lebende Erinnerungen an ihn.

Doch wenn dann das Konzert anstand, konnte man erleben was hingebungsvolles Musikmachen bedeutet: Mit leuchtenden Augen stand dann ein Dirigent vor dem Orchester der mit so hingebungsvollem Schwung Wagner, Brahms oder auch seine eigenen Werke („ich hab da was geschrieben…“) zelebrierte, dass man sich nach dem Konzert sofort fragte, wann „Siggi“ denn nun wiederkäme.

Wirklich unvergesslich eine konzertante „Elektra“ die der 80-jährige, nach einer etwas mühsamen Probenphase im Konzert, das Orchester und das Publikum einfach mitreissend buchstäblich bis zur Weissglut steigerte.

Als Komponist neigte Siegfried Köhler eher der leichten Muse zu, komponierte einige Musicals und Orchesterwerke (…kann es denn wirklich einen schöneren Musical-Titel geben als „Sabine, sei sittsam“?), leider nur wenige Werke für Harfe – die „Humoreske“ ist über den VDH zu beziehen.

Sehr lesenswert ist seine, zur Zeit leider offenbar vergriffene Autobiographie „Alles Kapriolen“, in der er auf seine ganz persönliche, niemals prätentiöse Art aus seinem Leben berichtet.

Siegfried Köhler verstarb 94-jährig in Wiesbaden, ein Jahr nach seiner Frau. Er wird der Musik und den Musikern sehr fehlen.