Jahr: 2020

Kultur – ein Luxus? Nein, ein Menschenrecht!

Wir befinden uns nun im achten Monat der Pandemie, einer Pandemie, die uns sehr viel länger beschäftigt, als wir alle anfangs wahrhaben wollten und für viele Kulturtreibende, insbesondere natürlich die Selbstständigen, ist die Lage mittlerweile sehr ernst.Immer mehr von ihnen beginnen, sich beruflich neu zu orientieren, sich Alternativen zu suchen, neue Wege zu beschreiten, bevor die Demütigungsmaschinerie Hartz 4 sie verschlingt. Doch auch die Festangestellten spüren mittlerweile, wie ihnen die Lage immer mehr entgleitet. Wie sich in den letzten Wochen gezeigt hat, hilft es absolut nichts, wenn wir uns in aller Breite in unserer Social Media-Blase auskotzen – das nehmen nicht nur die Politiker sondern auch die meisten Menschen da draussen gar nicht wahr, wir kreisen nur verbal um uns selbst. Ich bin persönlich auch nicht im geringsten überrascht von der Unkenntnis der Verhältnisse, der Lebensrealitäten der Kulturschaffenden seitens der politischen Klasse – der Bundestag besteht zu fast der Hälfte aus nur drei Berufsgruppen: Anwälte, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, also Berufen, die von unserem Alltag auch finanziell gar nicht weiter entfernt sein könnten. Ebensowenig ist es …

Wenn ich zurückblicken werde..

Diesen Text schrieb ich einem guten Freund Mitte März 2020, ganz zu Beginn der Corona-Massnahmen, als wir alle noch kaum etwas über die Bedrohung wussten. Manchmal blicke ich ein bisschen voraus: Durch meine Korrespondenz mit Apple-Entwicklern in Asien gewarnt, wies ich diesen Freund daraufhin, wir müssten uns Gedanken darüber machen, wie wir als Musiker auf den heraufziehenden Sturm reagieren sollen – dies Anfang Januar 2020, und sein Blick verriet deutlich, dass er mich damals doch für ein wenig paranoid hielt. Wer konnte ihm dies zum damaligen Zeitpunkt auch verdenken! Hier nun also der Text, der mir gestern wieder in die Hände fiel….: Wenn ich zurückblicken werde im Frühling 2021… …dann werde ich auf eine Welt blicken, die sich verändert hat – oder eben auch nicht! Denn nichts ist stärker als die Gier des Menschen. Stärker als der Selbsterhaltungstrieb und, oh ja, stärker als jeglicher Ehrgeiz, Dinge zum besseren zu wenden. Denn ich blicke jetzt schon auf eine Welt, in der ein mehrfacher Milliardär die Politik erpresst, ihn mit Subventionen für seine Kaufhauskette (die er praktisch …

Warum „Nachts in der Philharmonie“?

Warum „Nachts in der Philharmonie“? Meine Reihe von täglichen Videos aus der Philharmonie in Ludwigshafen verdankt ihre Existenz im Grunde einer Reihe von Zufällen.Die ursprüngliche Idee war die, während der umbaubedingten Schliessung des Probensaals im Foyer Musik zu machen, um ein Zeichen zu geben, zu zeigen, dass das Orchester zwar ausgeflogen ist, das Gebäude aber trotzdem nicht verstummt.Aufnahmen sollten nur ab und zu als Nebenprodukt entstehen – dann kam Corona….. Die ersten zwei Wochen des Lockdowns waren eine bleierne Zeit, doch wurde mir bald klar, dass ich nicht einfach nichts tun kann. So fing ich mit den ersten Aufnahmen an, zunächst konnte ich mir aussuchen, ob ich lieber einen verstimmten oder einen Flügel mit neuen, viel zu harten Hammerköpfen nutzen wollte, nachdem diese Hindernisse aber aus dem Weg geräumt waren, spielte sich dann bald eine gewisse Routine ein – „Nachts in der Philharmonie“ (dass bald „Keys to the Music“ heissen wird) war geboren! Seitdem sitze ich alle 3-4 Tage spät Abends (es muss draussen dunkel sein, sonst stimmt das Licht nicht) im Foyer und nehme …

50mal „Nachts in der Philharmonie“ – Ein Gespräch

Dieses Gespräch mit James Clark (Malibu Times) war eine Überraschung und fand völlig unvorbereitet am 23.Mai 2020 statt JC: Kai Adomeit, 50 mal „Nachts in der Philharmonie“ – ist jetzt, da die ersten Corona-Lockerungen Hoffnung machen, das Ziel erreicht? KA: Einerseits ja, andrerseits definitiv nein! Ja, weil ich es geschafft habe, mich seelisch über die bleierne Zeit zu retten, indem ich mich in die Musik und ins Üben gestürzt habe, nein, weil ich Geschmack an dieser Form der musikalischen Selbstdisziplin gefunden habe. JC: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen? KA: Nicht durch Corona! Eine ganz ähnliche Idee hat mich schon seit längerem beschäftigt, aber ich fand nie die Zeit oder die Kraft, wirklich zu beginnen….. JC: ….weil Sie beruflich so stark eingebunden sind? KA: Definitiv. Ich habe im letzten Jahr sehr viel im Orchester gespielt, auch Projekte, für die ich sehr viel arbeiten musste und kam einfach nicht dazu, etwas für mich selbst zu tun. Im April diesen Jahres hätte das alles in einigen so anstrengenden wie wundervollen Projekten – unter anderem einer …

Musiker in Zeiten von Corona

Ich bin Musiker. Ich bin Pianist und ich bin arbeitslos, weil das Coronavirus verhindert, dass ich Konzerte geben kann. Ich kann keine Konzerte geben, nicht hier in Deutschland und nirgendwo anders, weil die Grenzen geschlossen sind, weil die Behörden Veranstaltungen verboten haben, weil Konzertsäle, Opernhäuser, Theater, Musikschulen und -Hochschulen hermetisch geschlossen sind. An all dem aber ist nichts falsches, denn: Ich bin gesund.  Aber: Bin ich gesund?  Ich könnte Corona in mir tragen, ohne es zu wissen, da ja viele die Infektion ganz ohne Symptome durchmachen.  Ich könnte in die weiterhin geöffneten Cafés und Restaurants gehen, mich unter die Leute mischen, jetzt, da ich nicht weiss, wann ich meiner Arbeit wieder werde nachgehen können, da ich es mir mal erlauben könnte, etwas weniger diszipliniert zu leben.  Aber ich tue es nicht.  Weil ich immer versucht habe, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein (einmal, ein einziges Mal, habe ich mich aus falsch verstandenem Pflichtbewusstein nicht daran gehalten. Meine Kollegen haben den Moment bis heute nicht vergessen, in dem ich zu Anfang einer CD-Aufnahme bewusstlos vom Klavierstuhl gefallen …

„…steht doch alles schon drin!“

„…steht doch alles schon drin!“ Zum Tod von Siegfried Köhler Er war eine dieser Persönlichkeiten, die zum Kulturleben in Deutschland dazugehörten wie die Noten zur Musik: Das Ehrenmitglied des VDH Siegfried Köhler. Geboren am 30.Juli 1923 in Freiburg im Breisgau, gehörte er noch jener Dirigentengeneration an, die ihr Handwerk von der Pike auf lernte, wenn auch mit einem ganz besonderen instrumentalen Akzent denn anders als die meisten Dirigenten kam er nicht etwa vom Klavier sondern studierte an der Musikhochschule Freiburg – Harfe! An der dortigen Oper war er denn auch bald regelmässig als Aushilfe im Orchestergraben zu erleben, bevor er 1941 als Harfenist und Solorepetitor ans Theater Heilbronn ging. Doch auch an ihm ging der Krieg nicht vorüber, und so tauschte er den Frack 1942 für drei Jahre gegen die Soldatenuniform ein. Aus dem Krieg zurückgekehrt entschied sich Siegfried Köhler für die Dirigentenlaufbahn, wurde 1946 Kapellmeister und 1952 erster Kapellmeister in Freiburg. 1954 verliess er seine Heimat, um als Kapellmeister zunächst nach Düsseldorf, 1957 dann nach Köln zu wechseln. Ab 1962 war er dort als …

Warum Schubert?

Warum Schubert? (Ausschnitte aus einem Gespräch mit dem amerikanischen Musikjournalisten David Richards im Januar 2018) DR: Kai Adomeit, warum Schubert? Warum alles? Und warum auch noch alles 4-händige? KA: Das ist eine merkwürdige Frage, warum denn nicht? Könnte es etwas wichtigeres geben als Schubert? DR: Nun, die Zeit der zyklischen Aufführungen scheint doch vergangen zu sein, wenn man mal Andras Schiff und seine Beethoven-Sonaten beiseite lässt. KA: Ach, wissen Sie, ich habe mich immer schon nicht sehr dafür interessiert, was „man“ macht. Ich spiele Musik ja nicht um des eigenen Vergnügens willen (wenngleich das natürlich auch eine – kleine! – Rolle spielt), sondern weil ich den inneren Drang spüre, mich mit bestimmten Werken und Komponisten auseinanderzusetzen. Schubert war eine logische Fortführung von Haydn und Beethoven… DR: …die sie auch vollständig aufgeführt haben, aber fehlt in der Reihe nicht Mozart? KA: Nun, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben! Mozart wird bestimmt noch kommen! Aber es ist tatsächlich so, dass der Haydn-Zyklus damals, 2010, aus einer tiefen inneren Krise heraus entstanden ist, in einer Zeit, in der ich …

Mein Lehrer Paul Dan

Heute achtunddreißig Jahr – Mein Lehrer Paul Dan Laudatio zur Verabschiedung von Prof.Paul Dan an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mannheim am 15.10.2018 Als mir mein Lehrer und Freund Paul Dan den Auftrag zu dieser Laudatio antrug, war mir dies große Freude – und als ich so meine Gedanken zu sortieren begann, wurde mir klar, wie lange all das schon zurückreicht, wie unglaublich lange er mich stets in meinen Gedanken begleitet. Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich im folgenden sehr subjektiv werde – ich bin so, ich kann nicht anders! Und das Lügen habe ich leider – oder Gott sei Dank? – nie gelernt…. Zunächst einige biographische Daten: Paul Dan, Jahrgang 1944 war Schüler von Joseph Willer, Ella Philip, Georg Halmos und Florica Musicescu, der Lehrerin von Dinu Lipatti und Radu Lupu und studierte in Klausenburg und Bukarest. 1968 gewann er den Förderpreis des Bach-Wettbewerbs in Leipzig und konnte seine Ausbildung bei Hugo Steurer in München fortsetzen, die er mit Auszeichnung abschloss. Seit 1973 war er Gastprofessor in Tokio, seit 1978 ist …

Bye, Geoffrey!

Geoffrey Tozer: Zum Tod eines grossen Pianisten. Vor kurzem stiess ich in der Online-Ausgabe des „Australian“ auf einen Artikel von Stuart Rintoul: „The life and death of Geoffrey Tozer“.  Tief betroffen las ich den traurigen Nachruf auf einen Mann dem das Leben schwer fiel und auf einen Pianisten, der wohl auch vielen seiner  Kollegen ein Fremder, eine Randerscheinung blieb. Warum? Zunächst die Biographie: Geoffrey Tozer wurde 1954 in Indien geboren, kehrte als vierjähriger in die australische Heimat zurück und zeigte bald ein ungewöhnlich starkes musikalisches Talent. Mit 9 Jahren trat er zum ersten Mal mit einem Orchester auf und führte bereits als zwölfjähriger (!) die 5 Beethoven-Konzerte öffentlich auf. Nach Erfolgen auf internationalen Wettbewerben stürzte er sich ins weltweite Konzertleben und erlebte 1988 mit der Veröffentlichung der Klavierkonzerte von Nikolai Medtner seinen grossen internationalen Durchbruch. Etwa zu dieser Zeit stiess auch ich zum ersten Mal den Namen Geoffrey Tozer und kaufte mir die CDs. Welche Offenbarung! Zum einen natürlich die Entdeckung völlig zu Unrecht vergessener Konzerte der Spätromantik – welche Meisterwerke die 3 Konzerte von Medtner …

Der Kaiser von Atlantis, oder: Ein naiver Mensch?

Der Kaiser von Atlantis, oder: Ein naiver Mensch? Einleitung zur Uraufführung der Dokumentation der szenischen Aufführung in Ludwigshafen von Kai Adomeit Zunächst einige Zitate, in chronologischer Reihenfolge: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (Bibel, 2. Brief des Paulus an die Thessaloniker) „Wir, wir Deutschen, waren besser als die anderen, freier im Denken, reiner im Fühlen, ruhiger und gerechter im Handeln. Wir, wir Deutschen, waren das wahrhaft auserwählte Volk“ (Viktor Klemperer, „Curriculum vitae“) „Wollt ihr den totalen Krieg?“ (Joseph Goebbels, Sportpalastrede, 1943) “Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.” (Martin Niemöller) „Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte Der große Diktator nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“ (Charlie Chaplin, Autobiographie) „Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt“ (Hermann …